Hans Christian Andersen - Neuausgaben - 2004 Der Beltz & Gelberg Verlag bringt mit dem praechtigen Band " Hans Christian Andersen Maerchen " ( Illustrationen: Nikolaus Heidelbach, Uebersetzung: Albrecht Leonhardt) eine zeitlose Werkausgabe heraus. Mit Praezision, Detailtreue und Authentizitaet hat Nikolaus Heidelbach fuer 43 Maerchen unvergleichbar eindrueckliche Bilder geschaffen. Ganz aus dem Vollen kann der expressive Kuenstler schoepfen, denn Andersens existentielle Fragen wie die Sehnsucht nach der Liebe, erotische Aengste, Eitelkeit, Vergaenglichkeit, Verletzbarkeit, Einsamkeit, aber auch sein hintergruendiger Humor, die satirischen wie ironischen Einschuebe treffen den kreativen Nerv Heidelbachs. Nah am Text gibt er in seinen Bildszenarien immer den entscheidenden Augenblick der Handlung wieder und haucht wie kein anderer den Gegenstaenden Leben ein. 1835 erschienen die ersten vier Maerchen in bescheidenen, schmalen Heftchen. Anfaenglich inspirierten Andersen die Volkspoesie und Romantik, spaeter entsprangen gut 144 Kunstmaerchen dann seiner eigenen Fantasie, dem Erlebten, oft Autobiographischen. Seine besten Erzaehlwerke handeln von ihm selbst. In der Geschichte vom " Haesslichen Entlein " beschreibt er seine Lebenssituation. 1805 als Sohn eines Schuhmachers in die aermste Schicht der Gesellschaft hineingeboren, arbeitete sich der ehrgeizige Autor von Romanen, Buehnenstuecken und Reisebeschreibungen, unterstuetzt von Goennern, hinauf in die erste Reihe der Dichter. Andersen war ein sehr selbstbezogener, schwieriger Kuenstler voll kindlicher Sehnsucht nach Anerkennung, immer auf Reisen und geplagt von neurotischen Aengsten und Zahnschmerzen. Mit der Empfindlichkeit der " Prinzessin auf der Erbse " haette es Andersen jederzeit aufnehmen koennen. So fehlt dieses kurze Prosastueck in keiner Andersensammlung, auch nicht in der Neuausgabe " Das grosse Maerchenbuch ", die gemeinsam von Walker Books London und dem Sauerlaender Verlag herausgegeben wird. Die international bekannte Andersen-Expertin Naomi Lewis stellt in einer sehr gefuehlvoll verfassten Kurzbiographie den daenischen Dichter vor. Jedem der 13 ausgewaehlten Maerchen geht eine Texteinfuehrung voran, die Andersens Werk in den zeitgeschichtlichen Kontext einordnet. Die kurzen Texte begleiten eine gute und eine boese Fee und kleine Vignetten an den oeberen Raender des Bandes. Der englische Illustrator Joel Stewart interpretiert mit seinen 200 Bildideen vor allem die skurrile und tragikomische Seite des Erzaehlten. Für die Jubilaeumsausgabe hat sich der Verlag fuer die vollstaendige, hochgelobte Artemis & Winkler-Uebersetzung von Thyra Dohrenburg aus dem Jahre 1959 entschieden. Eine besonders schoenes Taschenbuch mit Andersens " Wintermaerchen " erscheint im Arena Verlag. Aus der bereits 2001 veroeffentlichten Esslinger-Ausgabe " H.Ch. Andersen erzaehlt Wintermaerchen" wurden die romantisierenden, nostalgischen Illustrationen von Anastassija Archipowa uebernommen. Die leichte Traurigkeit und Melancholie, die gerade ueber den Maerchen " Der Tannenbaum " oder " Die Schneekoenigin " liegt, spiegelt sich in den stimmungsvollen Aquarellen der russischen Illustratorin wieder. Bei der Auswahl der Maerchen und Geschichten setzen die Verlage nicht auf die Chronologie der Erstveroeffentlichungen, sondern auf den Bekanntheitsgrad und waehlen eher die Prosatexte aus, die schon fast zu den Volksmaerchen zaehlen. Beim Vorlesebuch " Die schoensten Maerchen von H.C. Andersen " konzentrieren sich der Verlag arsEdition und die Illustratorin Sabine Metz ebenfalls auf beliebte Maerchen. Mit ihren Aquarellen taucht die Kuenstlerin bei aller Textnaehe und genauen Recherche in vergangene Zeiten und moechte "die Ahnung einer anderen Epoche wecken". Dabei liess sich die sehr sinnlich arbeitende Illustratorin von der gruenen Insel Fuenen, der Kinderlandschaft Andersens, anregen, aber auch durch seine unerschoepflichen mit allen menschlichen Schwaechen und Staerken ausgestatteten Charaktere. So setzt die Kuenstlerin ihre Figuren zwischen Biedermeier und Rokoko in Szene und entwirft eine ganz eigene Maerchenwelt. Auch wenn Andersen seine Maerchen geradeso geschrieben hat, wie er sie einem Kind erzaehlen wuerde, wirken manche Textpassagen und Woerter auf den jungen Leser heute antiquiert. Die Kinder- und Jugendbuchautorin Friederun Reichenstetter hat fuer " Das Andersen Maerchenbuch " des Annette Betz Verlages 13 Maerchen auf die Verstaendlichkeit hin abgeklopft, ueberaltete Begriffe ersetzt und behutsam gekuerzt. Da Friederun Reichenstetter mit den Andersen Maerchen aufgewachsen ist, richtete sich die Auswahl der Prosatexte nach den noch aus der Kindheit erinnerten Lieblingsgeschichten. Silke Leffler entwarf mit einem sehr zarten Strich dekorativ schwungvoll ihre unvergleichlichen Andersenfiguren, leichtfuessige Miniaturwesen, Huehner mit eleganten Abendtaschen und purzelbaumschlagende Schweine. Manche Maerchen schrieb Andersen in wenigen Stunden, andere an mehreren Abenden und wiederum andere Maerchen benoetigten eine lange Entstehungszeit. Einen fulminanten Band hat auch der Steidl Verlag herausgegeben: " DER SCHATTEN Hans Christian Andersen Maerchen - gesehen von Guenter Grass". Die schwarz - weiss Illustrationen, die Originale sind vom Stein gedruckte Lithographien, spiegeln die tiefen psychischen und physischen Aengste und Traumata des daenischen Dichters, die in seinen Maerchen immer mitschwingen. Andersen, bekannt fuer seine Reizbarkeit und Empfindsamkeit, war ein typischer Hypochonder, der mit seinen irrationalen Phobien kaempfte. Bei seinen Reisen lag immer ein Seil in seinem Koffer, da er in der Furcht lebte, bei einem Brand umzukommen. Als er sich gut neun Jahre vor seinem Tod das erste eigene Bett kaufte, war er der Meinung, dass er nun bald sterben muesste. Seine bekanntesten und weniger beruehmten Geschichten und Maerchen haben die bildnerische Fabulierfreude des Kuenstlers Guenter Grass geweckt, der auch gern den als haesslich beschriebenen Dichter in seine oftmals grenzenlosen Bildraeume, die das reale und phantastische in den Werken Andersens suchen, hineinprojiziert. Fuer Grass geraet sogar das "Hingeplauderte" bei Andersen zum Bild und so finden sich in seinen Illustrationen auch neben dem Bedrohlichen, Ungeschminkten, die zarten Linien und Parallelen zwischen Natur und Mensch. H.C. Andersen wollte ein Dichter fuer saemtliche Lebensalter sein und kein " Kinderdichter ". In seinen Erinnerungen " Maerchen meines Lebens " beschreibt er seine Erzaehlkunst so: " Die Kinder vergnuegt am meisten, was ich die Staffage nennen wuerde; der Aeltere hingegen interessiert sich fuer die tiefere Idee." H.C. Andersen verstarb hochgeehrt 1875 in Kopenhagen. Ulrich Sonnenberg: Hans Christian Andersens Kopenhagen, Mit Photographien von Rainer Groothius, Schoeffling & Co. Verlag, Frankfurt am Main 2004, 19,90 Euro Auch wenn Hans Christian Andersen mit Kopenhagen eine wahre Hassliebe verband, feierte er jedes Jahr seine Ankunft 1819 wie seinen zweiten Geburtstag. Einerseits war die Stadt das Ziel seiner kuehnsten Hoffnungen und der Ort, an dem er zahlreiche Anregungen und Motive fuer sein Schreiben finden konnte, andererseits erinnert ihn Kopenhagen an seine schwersten Auseinandersetzungen und Demuetigungen. Nicht umsonst ging Andersen so gern auf Reisen und war "einer der groessten Touristen der Literaturgeschichte". Fuenfzehn Jahre seines Lebens hielt er sich im Ausland auf. Nur neun Jahre vor seinem Tod 1875 kaufte er sich ein eigenes Bett und fuehlte sich dabei gar nicht wohl. Fuer Andersen, den Aussenseiter, war das Reisen sein Leben. Er suchte bei seinen Fahrten nach Motiven, nach Bildung und vielleicht wollte er auch seiner Einsamkeit entfliehen. Nie hat Andersen trotz innigstem Wunsch eine Familie gegruendet. Er war ein schwieriger, hypochondrisch veranlagter Mensch, der bei aller kindlichen Eitelkeit immer um Anerkennung rang. Zeitgenossen wie Heine oder Kierkegaard liessen an dem daenischen Dichter kein gutes Haar und die Brueder Grimm hatten bei seinem Berlinaufenthalt keine Ahnung, wer da ohne Empfehlung vor ihnen stand. Kraenkungen, Zurueckweisungen und Misserfolge konnte Andersen nie verwinden. Er war ein fordernder, egozentrischer und auch linkischer Mensch, der sich in seinen Maerchen allzu oft portraetierte. Seine besten Erzaehlwerke handeln von ihm selbst. An fast jeder Ecke Kopenhagens trifft der Besucher auf den wohl beruehmtesten Dichter der Stadt und auch er hat mit seinem Schaffen Kopenhagen ein Denkmal gesetzt. Ulrich Sonnenberg scheut sich nicht, lange Passagen aus dem Werk Andersens zu zitieren und auch Zeitgenossen zu Wort kommen zu lassen. Geschickt verknuepft er seinen Spaziergang durch die Strassen Kopenhagens mit dem Leben des daenischen Autors, seinen Gedichten, Romanen und Maerchen und der staedtebaulichen Entwicklung vom 16. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Die schwarz - weiss Photographien von Rainer Groothius ergaenzen den sachlichen, unaufdringlichen Text. In Nyhavn bewohnte der ruhelose Andersen vier Wohnungen. Symptomatisch fuer ihn ist sicher bei der Auswahl der Orte, der weite Blick ueber das Meer von seiner Wohnung aus. Hier schrieb er auch seine erste Maerchen, u.a." Die Prinzessin auf der Erbse" und "Das Feuerzeug". Auf den Spuren Andersens sollte dieses schmale Buch dem Kopenhagenbesucher nicht fehlen. Ulrich Sonnenberg berichtet nicht nur von Andersens uebergrosser auch tragischer Liebe zum Theater und den zwei wichtigen Frauen in seinem Leben, sondern auch von seinen Stammlokalen. K.H. |
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