28. KINDERFILMFEST Zum ersten Mal in der Geschichte des Kinderfilmfestes eroeffnet ein iranischer Spielfilm das Festival. Vom Regisseur des Eroeffnungsfilms "Hayat", Gholamreza Ramezani, laufen im Wettbewerb zwei Filme und auch das ist eine Novitaet. "Hayat" thematisiert die Rolle der Frau in der iranischen Gesellschaft. Das Maedchen Hayat geht in die fuenfte Klasse und lernt schon seit Monaten fuer eine wichtige Pruefung. Doch am Morgen vor dem Examen muss Hayats Vater ins Krankenhaus und seine Frau begleitet ihn. Das Maedchen soll sich um ihren kleineren Bruder und die Schwester, die gerademal ein Jahr alt ist, kuemmern, ausserdem die Kuehe und Huehner versorgen. Aber das Maedchen moechte unbedingt ihre Pruefung ablegen. Verzweifelt sucht sie im Dorf nach einer Loesung. Allerdings wird ihr in verschiedenen Varianten von den Menschen, die ihre helfen koennten klar gemacht, dass ein Frau sich um das Haus kuemmern soll, die Familie versorgen und Tee kochen. Aber Hayat weiss, dass es im Leben mehr gibt als sich auf die klassische Frauenrolle zu beschraenken und in der Geschichte sind es auch eher die Frauen, die dem Maedchen nicht helfen wollen, sie belehren und nicht verstehen. Hayats Grundbeduerfnis zu lernen, bringt sie an den Rand der Verzweiflung. Waehrend das Maedchen um Hilfe bittet und mit ihrer kleinen Schwester im Arm durchs Dorf laeuft, erinnert sie sich an das Gelernte und scheint dadurch immer wieder neue Kraft zu finden. Allerdings schwankt sie auch zwischen der Verantwortung fuer die hilflose, kleine Schwester, die sie nicht allein lassen kann und das anstehende Examen, das laengst begonnen hat. Aber Hayat hat Koepfchen und kann sich durchsetzen. Sie ist in den gesellschaftlichen Regeln des Dorfes gefangen und schafft es doch mit Diplomatie und Cleverness nicht unterzugehen. Gholamreza Ramezani zeigt ein junges Maedchen, dessen Leben so voellig anders ist als in der westlichen Welt. Aber sie hat ein Ziel und setzt sich durch, denn sie weiss, was sie kann und das macht sie so sympathisch. "Das Spiel", der zweite iranische Beitrag des Regisseur Ramezani ist ein Film fuer Kinder ab sechs Jahren. Im Mittelpunkt der Geschichte steht ebenfalls ein Maedchen, die sechsjaehrige Soraya. Sie muss allein in ihrem kleinen Hinterhof spielen, denn die Mutter hat keine Zeit fuer sie. Mit sehr viel Einfallsreichtum und einer gehoerigen Portion Trotz und Eigensinn versucht Soraya ihre doch so normalen Wuensche, die die Mutter auch mit den besten Argumenten nicht wegreden kann, durchzusetzen. Ein Kammerspiel zwischen Mutter und Tochter findet statt. Doch als ploetzlich ein Ball ueber die hohe Wand in Sorayas einsamen Hinterhof faellt, unternimmt das kleine Maedchen alles, um die neuen Nachbarskinder zu sehen. Wieder argumentiert die entnervte Mutter. Doch gegen Sorayas Hartnaeckigkeit hat sie keine Chance. Als Soraya den Ball ueber die Mauer zu den fremden Kindern wirft, ist die Mutter vergessen. Der 80 Minuten lange Film "Cirkeline und die Supermaus" vom Altmeister des daenischen Animationskinos Jannik Hastrup wird ebenfalls fuer Kinder ab sechs Jahren empfohlen. Die Geschichte dreht sich um pupsende, ruppige Piratenkapitaene, den geliebten Maeusekaese, eine lange Reise und die Frage, weshalb denn tuerkische Mausemaedchen nicht genausoviel Mut haben koennen wie Jungen. Beruhigend zu wissen, dass auch die Maeuse sich mit den gleichen Problemen herumschlagen muessen wie die Menschen. Eine unterhaltsame Geschichte, der dramaturgisch eine Straffung der Handlung gut getan haette. In der finnisch-schwedische Produktion taucht "Der Pelikanmann" auf und dass in der Verkleidung eines Menschen. "Der Pelikanmann" ist der dritte Film fuer juengere Kinobesucher. Nur der 10jaehrige Emil, der mit seiner Mutter nach der Scheidung vom Meer in die Stadt zieht, entdeckt die Verwandlung des Vogels. Der Pelikanmann ernaehrt sich pausenlos von rohem Fisch, verliert Federn trotz adretter Kleidung und Handschuhen. Sein Vogelblick, die ruckartigen Kopfbewegungen und sein Watschelgang sind mehr als verdaechtig. Nach und nach beherrscht der Vogelmann alle menschlichen Faehigkeiten. Er spricht, singt sogar hervorragend und mietet eine Wohnung, in deren Wohnzimmer natuerlich eine Badewanne steht. Auch wenn das Menschenleben dem Vogel nicht so gut gefaellt, entwickelt er seine Leidenschaft fuer den klassischen Tanz und die Opernmusik. Aber so gut er sich auch tarnt, irgendwann wird er doch als Tier entlarvt und landet im Zoo. Doch inzwischen hat er ja Emil kennengelernt. Als realistischer Film ist " Der Pelikanmann" ein ungewoehnliches Experiment. Leider ist die Geschichte voraussehbar, trotz aller Beschwoerungen, sich seine Illusionen zu bewahren. Sie verliert in der Umsetzung durch die aesthetische Stilisierung der Handlung und ist stellenweise zu langatmig. Der niederlaendische Beitrag in diesem Jahr heisst "Bluebird". Der beeindruckende Film von Mijke de Jong erzaehlt die Geschichte der 13jaehrigen Merel, die in Rotterdam lebt. Sie ist ein ausgeglichenes, frohes Maedchen, dass gern liest, ihre Zeit mit ihrem koerperlich stark behinderten kleineren Bruder verbringt, in der Schule bei einer Auffuehrung von "Turandot" mitsingt und sehr gut im Turnspringen ist. Als sie ihrem Bruder " Matilda" von Roald Dahl vorliest, ist das Aussenseiterthema bereits angedeutet. Mit der Lektuere von Tolstois" Anna Karenina" geht sie dann ein Stueckchen zu weit. Mit ihrer Zufallsbekanntschaft, einem Mann aus dem Zug, findet sie dann das passende Buch. Fuer ihr Alter ist Merel noch sehr knabenhaft im Vergleich zu den geschminkten Blondinen aus ihrer Klasse, die mit den Jungen eine Clique bilden. Merel hat etwas abstehende Ohren, dafuer wird sie gehaenselt und fuer ihre guten Leistungen, denn sie faellt aus dem Rahmen, ist nicht angepasst. Fast schleichend wie aus heiterem Himmel beginnen die Attacken der Clique gegen das Maedchen. Merel versucht sich den anderen anzugleichen, spuert aber, dass es nicht zu ihr passt. Ihre Eltern sind auf ihrer Seite und doch verstehen sie die Signale nicht. Die Klasse schaut beim Mobbing weg und Merel geraet immer mehr in die Schusslinie der scheinheiligen und aggressiven Angriffe. Sie wird geschlagen, ihr Skatboard wird ins Wasser geworfen und das neue Fahrrad kaputtgetreten. Merel wendet sich ab, redet nicht und sucht auch keine Hilfe. Sie zieht sich in sich zurueck und verliert so ihr inneres Gleichgewicht. Doch dann eskaliert die Situation und Merel handelt. Elske Rotteveel als Merel spielt ueberzeugend und wirkt dadurch sehr authentisch. Sie strahlt Natuerlichkeit, Sensibilitaet und Warmherzigkeit aus. Der Zuschauer kommt der Figur sehr nah, fuehlt und leidet mit ihr mit, teilt ihre Aengste und wuenscht ihr so sehr, dass sie ihrem Hexenkessel entfliehen kann. Der israelische Spielfilm "Die Brieffreundin" widmet sich auf sehr einfuehlsame Weise dem Thema Krieg. Basierend auf einer wahren Begebenheit erzaehlt Peleg Haimovitch die Geschichte seiner Tante. Allerdings verlegt er die Handlung in das Jahr 1982, die Zeit des Libanonkrieges als er wie die Hauptfigur Gal 13 Jahre alt war. Weit entfernt wirkt der Krieg doch in jeder Familie nach. Gal uebernimmt den Posten des Brieftraegers und lernt so die 19jaehrige Haya kennen, die kaum aus dem Haus wegen ihres Herzleidens geht. Sie schreibt sich mit mehreren Soldaten und gibt ihnen Zuversicht. Aber die Briefe helfen auch ihr, die eigene Traurigkeit zu vergessen. In einen Briefpartner, Moshe Mandelbaum, verliebt sich Haya und wartet sehnsuechtig auf ein Bild von ihm. Inzwischen hat aber auch Gal sich in das anmutige Maedchen verguckt und voller Eifersucht vernichtet er den Brief mit dem Foto von Moshe. Hayas Gesundheitszustand verschlechtert sich zunehmend und Gal weiss, dass er einen Fehler gemacht hat. In einfuehlsamen Bildern ohne viele Worte zeigt der Film die langsam sich entwickelnde Zuneigung Gals zu der jungen, stillen Frau. Um den Verlust des Vaters geht es in dem japanischen Spielfilm " Das tausendjaehrige Feuer ". Satoshis Mutter starb bei seiner Geburt, sein Vater kommt bei einem Autounfall ums Leben, da ist der Junge 11 Jahre. Jetzt lebt er bei seinen Grosseltern in einem kleinen Ort am Meer. Alle kennen die Geschichte des traumatisierten Jungen, nehmen Anteil und versuchen ihn ins Dorfleben einzubinden. Aber Satoshi will fuer sich sein, sich erinnern. In mehreren Szenen zeigt der Film Ausschnitte aus dem Leben von Vater und Sohn und die Bilder, die Satoshis Vater von seinem Heimatort gemalt hat. Satoshis einziger Kontakt zu seiner Umwelt ist sein Handy. Per Tastendruck verstaendigt er sich mit Ayumi, die ebenfalls ohne ihre Eltern lebt und schaut sich die letzten Fotos von seinem Vater an. Die Jungen im Dorf ignorieren Satoshis Trauer, aergern ihn und werfen sein Handy ins Meer. Ayumi ist die Enkeltochter von Dr. Okina, der das tausendjaehrige Feuer huetet. Dr. Okina weckt in Satoshi den Gedanken, sich an der traditionellen Zeremonie des Dorfes zu beteiligen. Wie sein Vater will der Jungen die Strecke von der Insel bis zum Dorf schwimmen, um dann das tausendjaehrige Feuer an die Dorfbewohner zu verteilen. Es scheint als wuerde der Kampf mit dem Wasser und das tausendjaehrige Feuer langsam seinen Schmerz heilen. Naoki Segi setzt der wirklichen Welt des Jungen, der in keiner Szene weint, seine Traumvisionen und Fantasien entgegen, die durch seine Trauer entstehen. Von diesen Vorstellungen kann sich Satoshi nur mit einer symbolischen Handlung befreien, um wieder zu sich selbst zu finden. In die "Die Farbe der Milch", einer schwedisch-norwegischen Produktion, scheut sich die Protagonistin Selma nicht echte Schlangen anzufassen, sie bolzt mit den Jungen und stellt sich ins Fussballtor. Und obwohl sie mit ihren beiden Freundinnen ausgemacht hatte, dass sie den Jungen fernbleiben wollen, zieht Selma irgendetwas magisch in Andys Naehe. Dabei sind sie schon ewig Nachbarn in dem kleinen Ort am Meer. Selma erzaehlt von sich, ihren Beobachtungen in diesem Sommer und teilt mit dem Zuschauer den skeptischen Blick auf die Erwachsenen und ihre chaotischen Verhaltensweisen, wenn es um die Liebe geht. Auf jeden Fall hat Selma das Herz am richtigen Fleck, auch wenn sie noch einiges lernen muss und dabei geht es nicht unbedingt nur um die Farbe der Milch, denn die Wissenschaft hat auch auf vieles keine Antwort. Ein sommerleichter Kinderfilm mit wundervollen, unverstellt spielenden Kinderdarstellern. Der chinesischer Beitrag "Unsere merkwuerdigen Ferien" ist eine Lehrstunde zum Thema schlechtes Gewissen und haelt diese auch auf umstaendliche Weise ab. Drei Jungen aergern einen alten Mann beim Fischen und verursachen durch ihr ruedes Benehmen einen Unfall. Sie helfen dem alten Mann nicht und lassen ihn liegen. Als sie erfahren, dass es ihm nicht gut geht und er sein Gedaechtnis verloren hat, kuemmern sie sich um ihn und seine Enkelin, fuer die er sorgen muss. Der russische Beitrag " Der Italiener ", Regie Andrej Kravchuk, beruht auf einer Zeitungsmeldung, die den Drehbuchautor Andrej Romanov zu dieser unsentimentalen Geschichte anregte. Wanja, 6 Jahre, hat das grosse Glueck, dass er von einem italienischen Ehepaar adoptiert werden soll. Schon bald nennen die Kinder Wanja den Italiener. Doch sein Freude haelt sich in Grenzen, denn die Vorstellung, dass seine wahre Mutter im Kinderheim nach ihm suchen koennte, beschaeftigt ihn unaufhoerlich. Ueber alle Huerden hinweg, im Heim herrscht eine jugendliche, brutale Mafia, die Wanjas Sorgen in keinster Weise verstehen kann, bringt er sich das Lesen bei und forscht in seiner Akte nach der Adresse der Mutter. Er findet das Gesuchte und macht sich auf den Weg. Auf seinen Fersen ist die Adoptionsvermittlerin, die ihre Provision nicht verlieren will und auch vor keinem Mittel zurueckschreckt, um den Jungen zu fangen. Erschreckend auch in diesem russischen Film ist die Mitleidlosigkeit der Gesellschaft, die nur noch mafiose Strukturen kennt, Alkohol und die dumpfe Macht der Faeuste. Wanja findet seine Mutter. Doch, welche Zukunft ihm bevorsteht, bleibt offen. more reviews for users who have reached this page via a search engine. |
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