Sigrid Damm: Das Leben des Friedrich Schiller, Eine Wanderung, Insel Verlag, Frankfurt a.M. 2004, 500 Seiten, 24,90 Euro

"Genau darauf richtet sich meine Neugier, von der meine Wanderung bestimmt sein wird: auf die Individualitaet, die dieses Werk hervorbringt. Das Verwobensein der Schriften mit dem >Menschen<. Wie eines mit dem anderen verbunden ist, sich befluegelt, stoert, verwundet, beglueckt, stranguliert und foerdert. Nicht das Werk ist Gegenstand meines Buches, es sind die Umstaende und Bedingungen der Entstehung."

Mit ihrem profunden Wissen und detailgenauen Recherchen ( erinnert sei an das vielbeachtete Buch " Christiane und Goethe" ) nimmt Sigrid Damm den Leser mit auf eine "Wanderung" zu Schillers Lebens- und Arbeitsstationen. Sie beschreibt sein soziales und gesellschaftliches Umfeld und stuetzt sich gewissenhaft auf eine nicht geringe Anzahl von Briefen und zeitgeschichtlichen Dokumenten. Im Mittelpunkt der Betrachtungen steht aber immer der Arbeitsalltag Schillers, dem zeitlebens alles untergeordnet wurde. Die Autorin ist als Erzaehlerin immer gegenwaertig und laesst sich auch gern auf das Gedankenspiel - Was waere wenn? - ein. Aber sie mutmasst nie ueber Ereignisse in Schillers Leben. Wenn sie etwas nicht genau belegen kann, dann haelt sie damit auch nicht hinter den Berg. Sigrid Damm fordert den Leser aber auch auf, ihr Buch aus der Hand zu legen und " sich in die Briefe Ueber die aesthetische Erziehung des Menschen, seine Schrift Ueber naive und sentimentalische Dichtung zu vertiefen".

Im Laufe des Textes, der geschickt unterhaltsamen Erzaehlstoff ueber Schillers Lebensstationen mit Briefpassagen verbindet, mal mit Rueckblenden arbeitet, einzelne Schicksale, z.B. das arbeitsreiche Leben und tragische Sterben des Vaters von Schiller anschaulich beschreibt, tritt hinter dem Dichter immer mehr der Mensch in den Vordergrund. Schillers teilweise leichtsinniger und spekulativer Umgang mit Geld kommt zur Sprache, aber auch der zermuerbende Existenzkampf des freien Schriftstellers, ein fuer diese Zeit ungewoehnlich schwerer Beruf. Schillers Duennhaeutigkeit im Bezug auf Kritik wird belegt, aber auch seine Faehigkeiten gegen die schreibende Kollegenzunft verletztend auszuteilen. Schiller stellte sich eigenartige Ziele, z.B. faellt sein wohlkalkulierter Heiratsplan auf, den er vom Alter abhaengig machte und als Heilmittel fuer sein Schreiben und seine Seele ansah. Die hypochondrische Seite des sensiblen Autors wird offengelegt, aber auch die ernstzunehmenden Krankheitsschuebe. Ein wichtiges Kapitel im Leben Schillers spielen die Freundschaften, z.B. zu Koerner oder Goethe. Sehr zeituntypisch ist der spielerische und freizuegige Umgang Schillers mit seinen vier Kindern, was ihn sehr sympathisch erscheinen laesst. Seine Ignoranz der Lebensgefaehrtin Goethes, Christiane Vulpius, gegenueber laesst ihn wieder in einem anderen Lichte erscheinen. Sigrid Damm stoebert genauso gern in den Studierzimmern, ob in Jena oder Weimar, wie in den Kuechen. Sie hat die Lebensstationen Schillers nicht nur anhand der vorhandenen Texte mit genauen Daten verfolgt, sie besuchte seine Wohnorte und schildert deren heutigen Zustand. In ihren Texten bemerkt sie an, das zum 200. Todestag Schillers, der sich am 9. Mai 2005 jaehrt, vielleicht wieder eine Auffuehrung der Wallenstein - Trilogie moeglich waere. Sigrid Damms sinnliche Beschreibungen und die kunstvolle Gestaltung des Materials macht dieses Buch zu einem wahren Lesevergnuegen.

K.H.