Richard Bausch: Die Kannibalen, Luchterhand Literaturverlag, Muenchen 2004, 22 Euro Der amerikanische Schriftsteller Richard Bausch erzaehlt in seinem neuesten 842 Seiten starken Buch von Lily Austin und Mary Kingsley - zwei Frauenleben jeweils am Ende des 19. und 20. Jahrhunderts. Beide Protagonistinnen sind auf der Suche nach ihren Bestimmungen. Lily, eine scheue Frau, geraet kurz vor dem Abschluss der Theaterakademie in eine Krise. Sie bricht ihre Ausbildung ab, hofft auf Halt und heiratet ueberstuerzt ihre Liebe, Tyler Harrison. Frueh bekommt sie ein Buch ueber die Afrikareisende Mary Kingsley geschenkt und ist fasziniert von dieser ungewoehnlichen Frau. Als Fiktion des Autors richten beide Frauen Briefe aneinander als wuerden sie sich wie Seelenverwandte kennen. Mary Kingsley, die weltfremde, "englische Jungfer ohne ordentliche Schulbildung" hat nur sieben Jahre, um ihr gewohntes Leben absolut auf den Kopf zu stellen und endlich ihrer Mission zu folgen. Als sie dreissig ist und mit dem Tod von Mutter und Vater von den Familienpflichten fast entbunden wird, nur der grossspurige, unbegabte Bruder fordert ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, macht sich die Autodidaktin, die die Forschung ueber Fische, Fetische, Fauna und Flora nur aus den Buechern ihres Vaters kennt, entgegen allen Konventionen auf den Weg ins ferne Afrika, ihrer wahren Heimat. Mary Kingsley, die bei den Eingeborenen mit dem Namen " Bloss - Ich " bekannt ist, ist die Tapfere, die sich mit ihren medizinischen Kenntnissen ploetzlich mit ernsthaften Krankheiten konfrontiert sieht und in einer Maennerwelt bestehen muss. Sie besteigt den Kamerunberg und begeht Wege, die kartographisch nicht erfasst sind. Ihre Forschungen fuehren sie bis zu einem Kannibalenstamm. Mary Kingsley, eine starke und mitfuehlende Frau, wird durch ihre Buecher ueber Westafrika bekannt. Lily ist fasziniert von diesem Mut, dem rigorosen in Marys Charakter, aber je mehr sie versucht ihrem eigenen Leben Strukturen zu geben, es in den Griff zu bekommen, um so mehr geraet sie in einen Gefuehlsstrudel und in unwegsame Gefilde, die sie nicht durchschauen kann. Am Ende ist das Stueck ueber die Afrikaforscherin vollendet, aber Lilys Ehe ist zerbrochen. Lily reist allein mit ihrem Kind zu Dominic, dem biologischen Vater, nach New Orleans. Lernt Violet kennen, eine Frau, die wiederum einen Mann kannte, dem Mary Kingsley 1913 begegnet ist. Die Kreise schliessen sich. Richard Bausch hat die Faeden der beiden Lebensgeschichten straff in der Hand. Er erzaehlt spannend, auch ausufernd ueber diese beiden Frauen und schaut beiden tief in ihre Seelen ohne sich in Einzelheiten zu verlieren. K.H. |
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