Wilhelm Genazino: Die Kassiererinnen, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg 2004, 8,90 Euro

Wilhelm Genazino, Jahrgang 1943, erhielt am 23. Oktober 2004 den begehrten Georg-Buechner-Preis 2004. Genazinos literarisches Beobachtungsfeld ist die minuzioese Beschreibung des scheinbar unwichtigen Alltagsgeschehens. In seinem 1998 erschienenen Roman " Die Kassiererinnen" laueft der nicht allwissende, aber abgeklaerte Erzaehler durch Frankfurt am Main und betrachtet das Leben. " Es ereignete sich das vertraute, aber unerkennbar gewordene Leben." Er versucht, Urteile oder Vorurteile gegen Menschen nicht aufkommen zu lassen und ertappt sich doch beim Taxieren und Einschaetzen. So sind die acht Kassiererinnen der Supermarktes Prezzoprezzo Objekt seiner Phantasie. Seine Beobachtungen ueber diese Frauen schleichen sich in seine Reflexionen fast unbemerkt ein. Kaum ein Wort hat er mit ihnen gewechselt, den " bedeutsamen Integrationsfiguren des Alltags" und doch sind sie unmerklich anwesend. Die Frauen, die wie auf dem Praesentierteller immer sichtbar sind.

Genazino pflegt den langsamen, fast anhaltenden Erzaehlstil, keine schnellen Schnitte treiben die Handlung voran. Eine seltsam komische Symbiose geht der Erzaehler mit dem Vielschwaetzer und Lebenskuenstler Wischinski ein. Einer nimmt dem anderen die unangenehmen Dinge des Alltags ab. So kann der eine keine Knoepfe annaehen und der andere hasst jegliche Wege, die ihn in ein Amt fuehren.

Genazino lenkt die Aufmerksamkeit auf die unscheinbaren Personen, die alltaeglichen Vorgaenge und gibt ihnen Bedeutsamkeit. Die Scheiternden, sich mit ihren Selbsttaeuschungen am Leben haltenden stehen im Mittelpunkt, ob es Wanda ist, die ihrem Leben bedeutsam machen moechte, der unnuetze Wischinski oder der blasierte Privatdozent. Aber auch der Erzaehler ist Objekt der Beobachtung, denn auch ueber ihn wird gelacht und er kann es nicht fassen. Notgedrungen fuehlt er sich gezwungen, auch ueber die eigene Laecherlichkeit nachzudenken.

K.H.