The Author: Karin Hahn is specialist critic for childrens literature and a Juror for'The Best Seven', a monthly selection of new books for children published in Germany. She broadcasts regularly for DeutschlandRadio, Antenne Brandenburg and other stations Karin Hahn produces radio plays for children and biographical radio features.
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| JUNI 2003
KARIN HAHN on OATES, ROMERO, GUR, QUINDLEN, LARGO, O'FAOLAIN,, HENZEL K.Huebner on HACKE BELLETRISTIK Joyce Carol Oates: Hudson River, S. Fischer Verlag 2003, 608 Seiten, 24,90 Euro Adam Berendt, Anfang Fuenfzig, stirbt an Herzversagen beim geglueckten Rettungsversuch eines Kindes aus dem Hudson River. Sein tragischer Tod bildet den Auftakt zu einem Reigen sich aufloesender Beziehungsgeflechte zwischen Ehepaaren, die den mittelbegabten Bildhauer gut zu kennen glaubten. Ein Jahr lang verfolgt Joyce Carol Oates das Leben der Ehefrauen, die oftmals in Adam verliebt waren und der gutsituierten Ehemaenner, die ihn als geistreichen Gespraechspartner sogar Freund bezeichnet haetten. Doch Adam Behrendt war ein Geheimniskraemer, wie sich nach seinem Ableben herausstellen wird. Er, der immer bescheiden gelebt hatte, seine Muellskulpturen eher verschenkte als ausstellte oder gar verkaufte, war im Besitz eines stattlichen Vermoegens. Abigail Des Pres wird es sich nicht nehmen lassen, um Adams Geheimnis willen aus ihrem Wohlstandskaefig auszubrechen, um sein vergangenes Leben zu erforschen. Adam geistert durch die Koepfe, Haeuser und Schlafzimmer der wohlhabenden Bewohner von Salthill-on-Houdson und bewirkt die unterschiedlichsten Veraenderungen. So blendet die naive Camille, die Adams Hund Apollo aufnimmt, seinen Tod einfach aus und denkt, dass er eine Reise zu seinem geliebten Sokrates nach Athen unternommen hat. Der Schaeferhund Apollo zieht wie magisch weitere Hunde an, die letztendlich den untreuen Ehemann Camilles Lionel zerfleischen werden. Jede einzelne Geschichte von den Freunden Adams, der zwar nie dazugehoerte, aber trotzdem zu jedem Kontakt fand, waere schon ein Roman fuer sich, denn es ueberschlagen sich die Lebensgeschichten und der Riss durch die wohlfeile Gesellschaft ist nicht mehr zu kitten. Joyce Carol Oates kann bitterboese ueber ihre Protagonisten schreiben und aber dann auch wieder mit grosser Anteilnahme und Waerme. So findet die ledige Marina Troy, sympathische Inhaberin eines Buchladens, den Adam finanziell unterstuetzt hat, durch seine Erbschaft endlich zu ihrer kuenstlerischen Begabung. Subtil untersucht Joyce Carol Oates das Innenleben ihrer zahlreichen Protagonisten, schildert genau die seelischen Bewegungen ihrer Figuren, das Fremdwerden trotz grosser Naehe und seziert Verhaltensweisen und Denkstrukturen der hoeher gestellten, finanziell abgesicherten amerikanischen Gesellschaft. K.H. . Christiane Zehl Romero: Anna Seghers. Eine Biographie 1947 -1983. Aufbau-Verlag, Berlin 2003, 479 S., 30 Euro Der erste Teil der Anna Seghers Biographie umfasst die Jahre 1900 bis 1947 und erschien zum 100. Geburtstag der Schriftstellerin. Der zweite Teil über das Wirken der Autorin in ihrer Wahlheimat DDR liegt nun vor. Briefe, Gespraeche, Kalendernotizen, Akten der Staatssicherheit, Archivmaterial und letztendlich das Werk bilden die Grundlage fuer den vorliegenden zweiten umfangreichen Band. Mit den Auseinandersetzungen um das Ende der DDR, ausgeloest durch Walter Jankas Anschuldigungen, begann eine Welle der Verleumdungen, die Anna Seghers mit einschlossen. Doch wie gestaltete sich das Leben der Schriftstellerin in der DDR, welchen Einfluss hatte sie wirklich und was bleibt vom ihrem Werk? Diesen Fragen muss sich die Biographin im zweiten Teil stellen. Nach 14 Jahren kehrt Anna Seghers aus dem Exil ueber Mexiko, Schweden, Frankreich nach Berlin zurueck. International bekannt als Autorin des Romans “ Das siebte Kreuz ” findet Anna Seghers, die sich seit ihrer fruehen Heirat mit dem Kommunisten Laszlo Radvanyi der sozialistischen Sache in den Dienst gestellt hat, in Berlin, allerdings anfangs nicht in der Sowjetischen Besatzungszone, wieder ein Zuhause. Erst auf Druck der Partei zieht sie in den Ostteil nach Berlin - Adlershof. Unbeirrt steht sie an der Seite der Sozialististischen Einheitspartei Deutschlands und doch empfindet sie altbekannte Aengste: Fremdheit, Kaelte und Zwaenge unter den neuen Machthabern, die sie verunsichern, denn ihre Kinder studieren in Frankreich, ihr Mann haelt sich immernoch in Mexiko auf. Die anfaengliche Hoffnung der Anna Sehgers auf eine sozial gerechte Gesellschaft zerschlaegt sich schnell im sozialistischen Staat DDR und fuehrt zu neuer Desorientierung in der zweiten Haelfte ihres Lebens. Einschneidend wirken sich fuer Anna Seghers die Enthuellungen ueber die Machenschaften Stalins nach seinem Tod aus. Auch wenn Anna Seghers eine ruhige Bleibe gefunden hat, zieht es sie immer wieder aus dem “Laendchen” hinaus. Ziele sind die Sowjetunion, aber auch China, immerwieder Stockholm, Frankreich und Brasilien. Anna Seghers, die scheinbar nicht sesshaft werden kann, wuenscht sich “Unabhaengigkeit und Zugehoerigkeit”, die die Fuehrung der SED ihr nicht zugestehen moechte, obwohl sie im Vergleich zu vielen normalen Buergern, trotz Bescheidenheit viele Privilegien geniest. “Spielraum und Waerme” wird sie trotz Wohlverhalten nicht finden. Anna Seghers ordnet sich den kulturpolitischen Daumenschrauben der Funktionaere unter und versucht sich am realsozialistischen Zeitgeschichtsroman: “ Das Vertrauen” und “ Die Entscheidung” entstehen unter Muehen. Aber sie wendet sich auch gegen die Doktrin der Partei dem Wundersamen, Maerchenhaften und Geschichtlichen zu. Schon waehrend ihrer Arbeit an den Erzaehlungen fuer den Band “ Die Kraft der Schwachen ” lockert sich der konzentrierte Blick auf den selbstgestellten “Auftrag” und die Lust am Fabulieren ist neu erweckt. So waren fuer Anna Seghers die Freude, der Spass und das Lachen ein wichtiges Lebenselixier. “ Einst wollte sie die Welt beschreibend veraendern, nun zeigt sich, dass Bestehen allein schon viel ist und dass Kunst dabei hilft, aber auch, dass die Welt nach wie vor dringend der Veraenderung bedarf.” Christiane Zehl Romero versucht durch die Werkanalyse, dem Leben der Anna Seghers auf die Spur zu kommen. Faktenreich beschreibt sie die Entstehungsprozesse der Romane und Erzaehlungen, berichtet von ihrem oeffentlichen Leben, ihren exponierten Positionen, u.a. als Praesidentin des Schriftstellerverbandes der DDR, aber auch von der Hoffnung der Autorin auf offene Diskussionen, dem Zulassen von Fehlern. Aus diesem Grund trat sie auch fuer junge Autoren ein, die auf der Suche waren. Doch Anna Seghers konnte auch nach dem Bau der Mauer jederzeit das Land verlassen. Ihre Taktik des Wegschauens, Ignorierens und Schweigens ging fuer sie persoenlich gut auf. Narrenfreiheit genoss Anna Seghers wohl erst im Alter und wenn auch die Staatssicherheit immer dabei war, so konnte sie ab einem bestimmten Zeitpunkt, reden. Die offene Konfrontation hat Anna Seghers nie gesucht, ihre Sache war eher die Einflussnahme im Stillen. Christiane Zehl Romero versucht Anna Seghers, die sie auch in hohem Alter noch kennenlernen konnte, in all ihrer Widerspruechlichkeit nahezukommen. Subjektive Spekulationen der Biographin, die immerwieder mit rhetorischen Fragen oder Bemerkungen ihren eigenen Text kommentiert, stoeren, da sie den Eindruck erwecken, sie wolle den Leser beeinflussen. Die Anna Seghers Biographie ist trotzdem ein bewegendes Zeitzeugnis und der Versuch eines persoenlichen Portraets einer Frau, die alles tat, um ihren biographischen Werdegang im Dunklen zu lassen. K.H. Batya Gur: Denn die Seele ist in deiner Hand, Goldmann Verlag 2003, 448 S., 22,90 Euro Eine junge Frau wird im Jerusalemer Baka-Viertel, einem multikulturellen Schmelztiegel, auf einem Dachboden bestialisch ermordet aufgefunden. Zohra Baschari, eine gutaussehende Juedin, die ihre Schwangerschaft verheimlichte, musste ihren Moerder gekannt haben. In dem neuen Fall des Polizeiinspektors Michael Ochajon kristallisiert sich langsam das Hauptthema heraus: die herrschenden Spannungen zwischen den orientalischen und europaeischen Juden. Zwei Familien stehen fuer diesen andauernden Konflikt: die Familie Benesch, aus Ungarn stammend und die aus dem Jemen kommende Familie Baschari. Beide leben in einem Doppelhaus und machen sich gegenseitig das Leben zur Hoelle, ausgeloest durch eine dumme Bemerkung der Beneschs ueber die grosse Kinderzahl der Sepharden im Vergleich zu den Aschkenasim. Nicht wissen konnten sie, dass der jungen Familie Baschari als sie 1947 in einem Durchgangslager bei Aden war, ein Maedchen geboren wurde und es ihnen unter scheinheiligen Argumenten und Luegen genommen wurde. Ein schmerzhafter unvergesslicher Einschnitt. Zohra beschaeftigte sich mit der Vergangenheit der sephardischen Juden und wusste vom Geheimnis ihrer Mutter, obwohl diese mit ihrer Tochter nie ueber diesen Lebensabschnitt gesprochen hatte. Heimliche Beobachterin des Geschehens ist die dicke, unscheinbare, zehnjaehrige Nesja. In ihren Traumwelten sieht sie sich wie die schoene Zohra und gewinnt Einblicke in Zusammenhaenge, die sie fast das Leben kosten werden. Ruhig und besonnen fuehrt Michael Ochajon die Ermittlungen und laesst sich auch nicht von seinem Kollegen und selbsternannten Schutzpatron Balilati beeinflussen, der schnell einen schuldigen Palaestinenser als moeglichen Taeter im Visier hat. Mit Ochajon graebt Bataya Gur tief in der Vergangenheit Israels und zeichnet ein ungeschoentes realistisches Gesellschaftsbild ihres Landes. K.H. Anna Quindlen: Des Lebens Fuelle, Verlag BTB, Muenchen 2003, 287 S., 19,90 Euro Die alte Mrs. Lydia Blessing hat das Gefuehl, das eigene Leben ueberlebt zu haben. Die 80-jaehrige, wohlhabende Frau wohnt einsam in einem riesigen Farmhaus. Offenbar haelt es nur Nadine, ihre koreanische Haushaelterin, bei ihr aus. Beide Frauen haben sich mit ihren knorrigen Eigenarten arrangiert und wahren die Distanz. Ein versteinertes Leben voller Regeln, die niemanden mehr interessieren. Aufgebrochen wird diese starre Atmosphaere durch Skip, einen jungen Mann, der nach einer verbuessten Haftstrafe auf der Blessing-Farm die alltaeglichen Arbeiten uebernimmt. Skip, untergebracht ueber der Garage weitab vom Haupthaus, findet eines Tages in einem Pappkarton ein Baby. Voller Liebe, Waerme und wundervoller Hilflosigkeit nimmt er sich des Maedchens an, nennt sie Faith und lernt aus Buechern, wie so ein kleiner Erdenmensch grossgezogen werden soll. Lang kann er Faith’ Existient vor Lydia Blessing nicht verheimlichen. Sie stellt sich auf seine Seite und beginnt langsam wieder die Gegenwart wahrzunehmen. Manchmal durchbricht sie ihren inneren Monolog und lauscht am Babyfon, um die “Geraeusche des Lebens” zu hoeren. In Rueckblenden reflektiert die alte Frau ueber ihr verlorenes “Schattenleben” und der Suche nach den Schuldigen, die sie in diese Entfremdung gedraengt haben. Mit der neuen Verantwortung, die Lydia Blessing fuer das Kind uebernimmt, veraendert sich ihr Denken und sie gelangt zu einer spaeten Einsicht. Anna Qindlens literarische Figuren leben. Sie versteht es, mit ihren wenigen Protagonisten ohne Sentimentalitaet eine Bruecke zwischen den verschiedenen Lebenswelten zu schlagen. K.H. Remo H. Largo, Monika Czernin: Glueckliche Scheidungskinder, Piper Verlag 2003, 329 S., 19,90 Euro Nach “Babyjahre” und “Kinderjahre” veroeffentlich jetzt der bekannte Zuericher Professoer fuer Kinderheilkunde Remo H. Largo sein drittes Buch beim Piper Verlag: “ Glueckliche Scheidungskinder”, gemeinsam mit der Journalistin Monika Czernin. Beide Autoren wissen wovon sie reden, denn beide haben ihre Trennungen mit Kindern hinter sich. Die wenigsten Kinder sind nach einer Scheidung gluecklich und so einfach wie in Erich Kaestners Kinderroman “ Das doppelten Lottchen” ist es sicher nicht, Mama und Papa wieder zusammenzufuehren, obwohl Kinder diesem Traum sicher lange nachhaengen. Allerdings brauchen die “armen Scheidungskinder” kein Mitleid, sondern feste Bezugspersonen, die auf die Beduerfnisse des Kindes eingehen und ein verstaendnisvolles Umfeld. Alle Zeit der Welt von beiden Elternteilen sollte nun den Kindern gehoeren und das ist in Anbetracht von veraenderten Lebens-, Wohn- und oftmals auch Arbeitsverhaeltnissen schwer zu bewerkstelligen. Wie Eltern und das Umfeld jedoch den Kindern die neue Lebenssituation verstaendlicher und leichter machen koennen, versucht Remo H. Largo in seinem mit Fakten angereicherten aber nicht ueberlasteten Sachbuch zu klaeren. Besonders interessant ist die Fuelle an Fallbeispielen, die die unterschiedlichen Phasen verdeutlichen, die eine Scheidung fuer die Kinder und die Eltern mit sich bringt. Dabei gehen die Autoren auf das Alter der Kinder ein, die Verhaltensmuster der Eltern nach Scheidungen, die unterschiedlichen Wohnorte der Kinder und die Vielfalt der Familienformen. Wie in allen seinen Buechern verkuendet Largo keine Dogmen oder gar Loesungen, sondern Angebote, Denkanstoesse. Am Beginn der thematisch geordneten Kapitel steht ein Fall, z.B.”Dominik und Sebastian sind Wanderer zwischen den Welten”. Sie leben eine Zeit in der “ Papa-Welt” und die andere Zeit bei der Mutter. Wuerde man sie fragen, wo sie Zuhause sind, wuerden sie sagen, in beiden Welten. Die kindliche Psyche ist anpassungsfaehiger als man denkt und wichtig ist auch das Alter der Kinder zum Zeitpunkt der Trennung. Juengere Kinder sind gar nicht so verunsichert, wenn der Papa woanders lebt. Alle Aengste, Verunsicherungen und Schmerzen uebertragen die Erwachsenen auf die Kinder und entwickeln keinen differenzierten Blick auf die Situation des eigenen Kindes. Largo Remo diskutiert nach der Darstellung seiner Fallbeispiele mit Monika Czernin, z.B. wieviele Zuhause denn nun ein Kind verkraftet und ob der Wechsel zwischen den Welten wirklich so problemlos ist, wie er scheint. Von einzelnen Beispielen aus gelangen die Autoren zu allgemeinen Erkenntnissen, die dann in kurzen praegnanten Saetzen am Ende der Kapitel zusammengefasst werden. Erschreckend sind dabei auch Fakten, die so ganz nebenbei einfliessen, z.B. dass 50% der Vaeter nach einem Jahr nach der Scheidung keinen persoenlichen Kontakt mehr zu den Kindern haben. Ein wichtiges Sachbuch fuer alle die Kinder und eine Scheidung vor- oder bereits hinter sich haben. K.H. Nuala O’Faolain: Ein alter Traum von Liebe, Claassen Verlag 2003, 543 S., 22,90 Euro Kathleen de Burca, erfolgreiche Reisejournalistin, gerade 50 geworden, gibt ihre Wohnung in England auf und faehrt nach 30 Jahren zurueck nach Irland, ihrem Geburtsland. Sie waehnt sich an einer Lebensgrenze, einem Abschnitt, der neu fuer sie beginnen sollte. Wo die Reise hingehen koennte, ist ihr noch nicht so genau bewusst. Ein Buch schreiben waere eine Moeglichkeit, vielleicht ueber den Talbot-Fall, der sie schon lang beschaeftigt. Ihr Recherchen ueber das Scheidungsdrama in der schweren Zeit der grossen irischen Hungersnot um 1847 werden jedoch durch eine einschneidende Nachricht unterbrochen. Ihr langjaehriger, homosexueller Freund und Arbeitskollege Jimmy ist tot. Nun verstaerkt sich das Gefuehl bei Kathy, dass sie eine Distanz zu ihrem bisherigen Leben schaffen muss.Sie kehrt zurueck nach Irland. Auf verschiedenen Ebenen durchlebt die Erzaehlerin in Erinnerungen Vergangenes: Liebesbeziehungen, zerbrochene Freundschaften und Bilder aus der lieblosen Kindheit und Jugend. Als Kathy einen um Jahre aelteren verheirateten Mann kennenlernt, ist er wieder da: der alte Traum von Liebe. Diesen glaubt die Journalistin auch in dem Liebesdrama zwischen der englische Landbesitzerin Marianne Talbot und dem irischen Stallburschen William Mullan zu entdecken. Doch hat sich ihre Heldin wirklich gegen das Korsett der Klassenschranken aufgelehnt? Oder ist sie Opfer eines Komplotts ihres Mannes geworden, der sie loswerden wollte? Die innere Spannung des Romans erwaechst aus der ungeheuerlichen Leidensgeschichte der Marianne Talbot und der neuen Hoffnung auf Liebe, die sich Kathy macht, obwohl diese an Opfer geknuepft waere. In guter Erzaehltradition webt die Autorin eine unterhaltende und bewegende Romanhandlung ueber die Erwartungen an die Liebe und sehr unterschiedliche Frauenschicksale. K.H. Kerstin Hensel: Im Spinnenhaus, Luchterhand Literaturverlag 2003, 251 S., 19 Euro Kerstin Hensels Roman "Im Spinnhaus" spielt im Erzgebirge, einer unspektakulaeren Welt, scheinbar fern dem wahren Leben, weit weg vom Sehnsuchtsort Berlin oder gar New York. Gesponnen wird im Spinnhaus, in dem mehrere Generationen Frauen wohnen, an phantastischen, märchenhaften, surrealen, traurigen und komischen Geschichten. So wird die Uhlig-Trulla mit 60 schwanger, um nie zu gebaeren oder Fraeulein Charlotte Sonntag verwaechst mit dem Dutt aus dem Haar ihrer im KZ ermordeten Mutter. Neuwelt, Schwarzenberg und Umgebung sind die Spielorte verschiedendster menschlicher nicht gerade heldenhafter Schicksale, ob es um die Sperrgusche, Zschiedrich- Lotte oder Roeder- Jockel, Novis-Susanne oder den traumverlorenen Hubert Kasten geht. Am Faden der deutschen Geschichte von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in unsere Tage spinnt die Autorin ihre Erzaehlungen um den wundersamen Alltag der Erzgebirgler. Heimatgeschichten ohne Idylle. Kerstin Hensel ueberschreitet mit ihrer kargen poetischen Sprache die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fantastischem. Das Spinnhaus, einst Fabrik, Wohnort alleinerziehender Frauen, verkommt in der Gegenwart zum Heimatmuseum fuer einzeln sich verirrende Touristen. Durch die versponnene Handlung tappst ein Baer, dessen Gegenwart immer wieder fuer Verwirrungen, neue Geruechte und letztendlich die Schliessung des Spinnhauses sorgt. K.H. Axel Hacke: Das Beste aus meinem Leben, Kunstmann Verlag 2003, 288 S., 16,90 Euro Brav fährt Axel Hacke seinen zweijährigen Sohn Luis abends durch die Straßen der Großstadt, damit er einschläft. Auch wenn seine Freunde ihn dafür belächeln. Tapfer hält er der Frage seines Sohnes stand: „Papa, wozu bist Du überhaupt da?“. Mutig singt er seiner Ehefrau Paola ein selbst kreiertes Liebeslied, damit sie auch ihn und nicht nur Paul Newman anschmachtet. Mühevoll kämpft er seit Jahren gegen die mangelnde Elastizität seiner Körpers. Und, und, und ... sein Alltag als Mann in den besten Jahren, Anfang vierzig, ist wirklich nicht leicht. Der in München lebende Schriftsteller und Journalist Axel Hacke tut dagegen das, was er am besten kann schreiben. So schreibt er sich seine erlebten Alltagsgeschichten Woche für Woche in der Kolumne „Das Beste aus meinem Leben“ im „Magazin der Süddeutschen Zeitung“ von der Seele. Und das Ergebnis ist eine amüsante Lektüre. Jetzt auch nachzulesen mit 40 neuen kurzen Episoden unter dem gleichnamigen Titel in Buchform, erschienen im Kunstmann-Verlag. Dort sind auch seine weiteren Bücher wie die Bestseller „Der kleine Erziehungsberater“ und „Der kleine König Dezember“ verlegt. In jeder Sonntagsausgabe des Berliner Tagesspiegel erscheint seine Kolumne „Und was mache ich jetzt?“. Im Bayerischen Rundfunk sind wöchentlich „Geschichten wie Du und Ich“ von ihm zu hören. Auch sie erzählen wie die kurzen Geschichten im neuen Werk vom alltäglichen Familienwahnsinn mit all seine Widrigkeiten, ohne dabei den Humor zu verlieren. Axel Hacke sucht und findet Antworten unter anderem darauf, warum die Königstöchter im Märchen nicht mehr schön, sondern schill sind, woher die Buchstaben kommen, warum Joseph Beuys eigentlich Jesus Beuys heißt, die Chinesen Gerichte nummerieren, er immer in der falschen Schlange im Supermarkt steht, er ein schlechtes Gewissen hat, wenn er allein ins Kino will... und dann ist da noch Bosch, der sprechende und träumende Kühlschrank. Die short stories lesen sich zum Teil wie Film-Szenen eines Drehbuch: lebendig und bildstark. Wenn auch ohne durchgehende stringente Handlung, lässt uns der Ich-Erzähler teilhaben an den verschiedensten Momenten seines Lebens. Mit leichtsinnigem Witz und Übertreibung, voller Charme und weiser Einsicht zeichnet er das Geschehene auf. Die Begebenheiten zu Hause, im Kindergarten, im Büro oder auf der Straße sind dabei oft so komisch, dass man laut auflachen muss, wenn man sich selbst in vielen Situationen wiedererkennt, sich und den eigenen widrigen Alltag, die Neurosen und Ängste von Menschen in der Mitte des Lebens. Doch am Ende steht ein Moment des Glücks und der Heiterkeit, denn so komisch ist es eben manchmal, das Leben. K.Huebner |
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