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BELLETRISTIK - 2004 Autoren: Angelika Kluessendorf,Viola Roggenkamp, Christa Wolf, Christoph Hein, P. F. Thomese,Claudia Wolff, Amanda Brookfield, Kerstin Mlynkec, Hartmut Lange, Mark Haddon Angelika Kluessendorf: Aus allen Himmeln, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004, 142 Seiten, 14,90 Euro Eine ueberarbeitete Mutter zweier Maedchen schafft es nicht den Weihnachtsbaum am Heiligen Abend aufzustellen. Ohne Zauber und Glanz vergehen die Tage. Die Kinder erwarten auch nichts mehr, sie sind stumm vor Angst. Auch das Maedchen, dessen Vater sich zu Ostern immer wieder umbringen will, kann nichts mehr empfinden. Ein 12-jaehriges Maedchen erfaehrt zum erstenmal die Aufmerksamkeit der Mutter als sie beim Stehlen erwischt wird. Kuenftig geht sie mit dem Einkaufszettel der Mutter aber ohne Geld los. “ Es gibt kein Entrinnen...” zu dieser Einsicht wuerden fast alle Maedchen in den zehn Geschichten aus der Kindheit gelangen, sollten sie ihre Lebensumstaende beschreiben. Zuneigung, Sicherheit oder gar Glueck lernen sie nicht kennen. Sie leben eine trostlose und verlorene Kindheit, die man so niemandem wuenscht. Auf sich allein gestellt, versuchen die oft sprachlosen, namenlosen Maedchen, kurz vor der Pupertaet das kindliche Ich abzustreifen, um in der Welt der Erwachsenen zu bestehen. Immer in der Duckhaltung vor dem naechsten Ausbruch der Eltern, laechelt sie hoechstens ein blaues Bild mit dem Staatsratsvorsitzenden an. Erinnerungen an vergangene DDR - Zeiten werden wach, mal schemenhaft, dann wieder bitter. “ Gott war unbekannt verzogen, wahrscheinlich wohnte er im Westen...” resuemiert die Ausreisserin, die ihrer sadistischen Mutter nie entkommen wird. Die Sehnsucht nach Vertrauen durchzieht alle Geschichten. Als waeren die Welten verkehrt und die ungeliebten Kinder, die das Daseinsdilemma der Erwachsenen, ihre Erbaermlichkeit und Schwaechen genau registrieren, den Eltern das geben muessten, was sie fuer ihre Entwicklung einst benoetigten. Die Schicksale der Kinder scheinen immer gleich und eine Geschichte taucht in der anderen wieder auf. Leitmotive durchziehen die Handlungen, wie das sich wiederholende zum Einkaufen geschickt werden oder das Stehlen. Nelly, 14 Jahre, hoert auf ihre eigene Stimme und wird aus der Sicht einer jungen Erzieherin beschrieben. Nichts kann sie im Kinderheim halten. Sie hat Sehnsucht nach ihren Geschwistern, fuehlt sich verantwortlich fuer sie und findet immer wieder einen Weg, um zu ihnen zu gelangen und wenn sie zu Fuss kilometerweit laeufen muss. Praezise beobachtet, erinnert und seziert die Autorin traumatische Kindheit in immer wieder veraenderten Mutter- Vater - Tochter - Konstellationen. Jung sind die Muetter, selbst noch Kinder, Alkohol ist im Spiel, soziale zerruettete Verhaeltnisse und Hilflosigkeit. Angelika Kluessendorf waegt in ihren Erzaehlungen jedes Wort ab, arbeitet klar an ihrer kontrollierten Sprache, stellt sich in der Erinnerung auf die Seite ihrer kindlichen Protagonisten und offenbart die heillos deformierten Seelen der Erwachsenen. K.H. Viola Roggenkamp: Familienleben, Arche Verlag Hamburg 2004, 448 Seiten, 23 Euro Egal was geschieht, die resolute Alma Schiefer schuetzt ihre kostbare Familie wie eine stolze Loewin. Sie liebt, ja vergoettert ihren Mann Paul, der sie und ihre Mutter mit seiner Liebe trotz aller Widerstaende vor dem Holocaust gerettet hat. Mit grosser Zuneigung umsorgt sie ihre Toechter Vera, 17 Jahre, und Fania. Aus der Sicht der 13jaehrigen, pupertierenden, juengsten Tochter Fania werden die Tueren fuer den Leser in eine ganz eigene so noch nicht beschriebene Familiengeschichte geoeffnet. Viola Roggenkamp erzaehlt auch aus eigenen Erfahrungen von einer Familie, die den Holocaust ueberlebt hat und in der bundesdeutschen Wirklichkeit des Jahres 1967 nach dem normalen Alltag sucht und ihn nicht leben kann. Die Schiefers wohnen in einem noblen Vorort Hamburgs. Da Paul Schiefer, der als nicht gerade erfolgreicher Vetreter fuer Brillengestelle in der Woche unterwegs ist, dreht sich die detailversessene Handlung um den Frauenhaushalt. Fuer die Schiefers ist die Familie der Kampfplatz und der Ort allergroesster Naehe und Zuneigung. Jeder Abschied ist ein Akt fuer sich, der mit Kuessen besiegelt wird, denn wer weiss, wann man sich wiedersieht. Die nicht allzuferne Vergangenheit ist immer gegenwaertig, denn Alma und ihre Mutter leben gedanklich mit ihren juedischen Verwandten, die in den Lagern umgekommen sind, mit ihrer Geschichte. Immer wieder wird signalisiert: Wir haben ueberlebt. Und doch koennte jedes Klingeln an der Wohnungstuer zu einer Bedrohung werden. Andererseits legt Alma im Gegensatz zu ihrer Mutter keinen Wert auf die juedischen Traditionen und moechte nicht, dass die Aussenwelt Kenntnis davon hat, dass sie Juden sind. Fania steht zwischen den Frauen und sucht nach einer juedischen Identitaet wie nach einem Geheimnis, dass sich hinter dieser Familienidylle verbirgt. Sie spuert die Veraenderungen, die sich anbahnen, denn laengst loest sich ihr enges Vertrauensverhaeltnis zur aelteren Schwester. Die Ueberlebenslegende schmiedet die Familie aneinander, Gegenwaertiges spielt eher eine untergeordnete Rolle. Das Gebot der Familie ist das Liebhaben und Alma ist in ihrer Wut nicht wiederzuerkennen, wenn ihren Toechtern in der Schule nur die Gefahr einer Ohrfeige droht. Als aengstliche Uebermutter schottet Alma ihre Kinder aber auch vor der Aussenwelt ab. Je aelter Fania und Vera werden, um so mehr treibt sie die grosse Sehnsucht nach dem Leben ausserhalb ihres Gartens um. Die Familienszenerie kommt in Schwung als bekannt wird, dass die abbruchreife Villa, in der die Schiefers wohnen, zum Verkauf angeboten wird. Viola Roggenkamps Romanfiguren sind klar umrissen, widerspruechlich, glaubwuerdig und sie ziehen den Leser geradezu in die Familiengeschichte hinein, die durch ihre Ernsthaftigkeit und gleichzeitige Tragikomik unendlich beruehrt. K.H. Christa Wolf: Eine Biographie in Bildern und Texten, Herausgegeben von Peter Boethig, Luchterhand Verlag , Muenchen 2004, 224 Seiten, 35 Euro Puenktlich zum 75. Geburtstag der Schriftstellerin Christa Wolf legt der Luchterhand Verlag nun einen umfangreichen und prachtvollen Bildband mit Texten vor. An die 300 schwarz - weiss Fotos, die meisten aus dem Wolfschen Familienalbum, hat der Herausgeber Peter Boethig für diesen Band zusammengetragen. Hat nicht schon die Veroeffentlichung der Tagebucheintragungen “ Ein Tag im Jahr “ ( 2003 ) den Leser ueberrascht und ihm einen privaten, wenn auch nicht intimen Blick in Christa Wolfs Lebensalltag mit Hoehen und Tiefen freigegeben. So ist diese Bildbiographie, die zum groessten Teil private Fotos zeigt, eine Erweiterung auch zur vor zwei Jahren erschienenen Biographie von Joerg Magenau. Da reihen sich Jahr um Jahr Familienfotos mit Verwandten, Mitschuelern, Freunden, Kindern, Weggenossen und vielen Selbstportraets aneinander. Dazu erscheinen Faksimiles von Manuskripten und Buchumschlaegen ( Ost - und Westausgaben), Auszuege aus Interviews und Zeitungsausschnitten, Briefzitate und Dokumente. Ergaenzend zum Material hat der Herausgeber treffende Selbstauskuenfte und Kommentierungen zugeordnet, die ueber das Schriftstellerleben hinaus auch ein Zeitbild vermitteln. Christa Wolf inszeniert sich nicht und das macht diesen Bildband so authentisch. K.H. Christoph Hein: Landnahme, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004, 250 Seiten, 19, 90 Euro Bernhard Haber, der “ Polacke “, der Eindringling kommt als Kind Vertriebener in das kleine Staedtchen Guldenberg, das unweit von Leipzig an der Mulde liegt. Sein Vater ein einarmiger Kriegsinvalide versucht sich als Tischler eine kleine Werkstatt aufzubauen. Belacht und gedemuetigt igelt sich das Kind ein, schweigt und findet einen treuen Freund in seinem Hund. Doch das Tier wird mit einer Drahtschlinge getoetet und dem Vater die Werkstatt angezuendet. Niemals wird Bernhard Haber seinen Hund vergessen, die Kraenkung, den Hass auf die Stadt und den tiefen Wunsch, es den Guldenbergern heimzuzahlen. Auch wenn er den Aufstieg zum Stadtrat, Villenbesitzer und Unternehmer mit wirtschaftlichem Erfolg schaffen wird, er bleibt der Fremdling, der Aussenseiter. In der Schule verschafft sich Haber schnell gewaltsam Respekt. Sein Verstand ist zwar nicht der schnellste und doch hat er einen ausgepraegten, sturen Willen. Christoph Hein hat eine literarische Figur entworfen, die trotz Anwesenheit nicht zu entschluesseln ist. In fuenf Einzelerzaehlungen berichten Mitschueler, Freundinnen, Bekannte, Geschaeftskollegen von sich und ihrem Verhaeltnis zu Bernhard Haber, der einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat und doch nicht durchschaut werden kann. Ist er so skrupellos und emotionsarm wie er vorgibt? Alle stehen vor einem Raetsel, denn niemand kennt Haber wirklich und er selbst kommt nicht zu Wort. Christoph Hein erzaehlt gekonnt eine unbehagliche Geschichte, die mit ihren lauernden Unheimlichkeiten den Leser immer weiter hineinzieht und nicht mehr loslaesst. Ueber fuenf Jahrzehnte bis in die Gegenwart hinein verweben sich DDR-Geschichte, individuelle Schicksale und vor allem punktuelle Beobachtungen, die sich alle auf Bernhard Haber beziehen. Christoph Hein sagt von sich, er sei ein “Chronist ohne Botschaft “. Im berichtenden Erzaehlton spiegeln sich auch die eigenen Erfahrungen, Empfindungen und genauen Alltagsbeobachtungen. K.H. P. F. Thomese: Schattenkind, Berlin Verlag, Berlin 2004, 107 Seiten, 14,90 Euro Isa Thomese, nur 6 Wochen auf der Welt, stirbt an Hirnblutungen. Ihr Vater setzt sich schreibend mit dem Tod der Tochter und sich selbst auseinander. Ohne Schuldsuche oder Sentimentalitaet waegt er ab, verwirft wieder, denkt nach ueber das Fremde im eigenen Leben, den Kummer um ein nichtgelebtes Leben, den Verlust des Nichtstattgefundenen, den Vorstellungen, Hoffnungen. Er tastet die innerlichen Veraenderungen ab und sucht fast wuetend nach Halt in der Literatur, bei Nabokov, Flaubert und Goethe, die ein Kind sterben lassen, um auf den naechsten Seiten die Vaeter zur Tagesordnung zu bitten.” Muessen sie denn nicht erst wieder gehen lernen, sprechen lernen, leben lernen?” Fuer den Tod eines Kindes gibt es keine angemessene Sprache. Doch Thomese schafft es, sich mit Worten seinem “ Schattenkind “ zu naehern, das fuer ihn noch da ist, auch wenn es im Verborgenen, im Dunkeln, im Schatten nicht sichtbar ist. Thomeses Sprache ist lyrisch, verknappt und doch unverschluesselt klar. Bei seiner Reise in den Sueden, durch kulturgeschichtliche, mythologische, geistesgeschichtliche Landschaften verweben sich die Erinnerungen und kehren immerwieder an den Ausgangspunkt, die letzten schmerzvollen Stunden, zurueck. Er will “die Tueren des Trostes” nicht zuziehen, er will sie auftreten auch auf die Gefahr hin, dass es zieht und kalt wird. K.H. Claudia Wolff: Letzte Szenen mit den Eltern, Antje Kunstmann Verlag, Muenchen 2004, 141 Seiten, 14,90 EUR Die Aussichten sind beaengstigend: In nur drei Jahrzehnten wird Deutschland die aelteste Gesellschaft der Welt sein, mit dem kleinsten Anteil Jugend. Statistisch gesehen dauert ein Leben heute, fast doppelt so lang, wie es noch vor gut einem Jahrhundert zu erwarten gewesen waere. Lange Abschiede stehen uns bevor. Die 90-jaehrige Mutter erklaert sich ihr langes Leben: “ Die frisch gepressten Saefte taeglich vor dem Mittagessen, das Vollkornbrot, die vegetarischen Pasteten! Salate! Kraeuter! Obst! Und niemals Haxen! Kein Alkohol! Nicht eine Zigarette! Und keine Leidenschaftsverzehrung! Das macht, na ja, das Leben endlos!” Auch wenn die alte Frau ihre ironischen Auesserungen belaechelt, bleiben die unausweichlichen Anspannungen zwischen ihr und der 62-jaehrigen Tochter. “ Ach, wenn man nur abtreten koennte. Es wird Zeit abzutreten.” Autobiographisch durchdrungen erzaehlt Claudia Wolff schmerzhaft vom Abschiednehmen von den Eltern. Ein unsichtbares Band kettet Eltern und Kinder aneinander. Mal ist es lockerer, mal schlingt es beide fest aneinander, besonders dann wenn die Rollen auf einmal vertauscht werden. Die einst so kuehle, strenge Mutter nervt die Tochter mit ihrer Begriffsstutzigkeit, dem permanenten Gedaechtnisausfall, der laecherlichen Hilflosigkeit und Anhaenglichkeit, der Unselbstaendigkeit, der kindlichen Beduerftigkeit und der so ungewohnten anhaenglichen Liebe. Als saesse ein fremder Mensch ploetzlich neben der Tochter im Auto. Im Zwiegespraech mit einer juengeren Freundin entladen sich alle Empfindungen der Tochter: Wut, Hilflosigkeit, Jammer, Liebe, Angst und Schuldgefuehle, die Mutter in einem zwar komfortablen aber doch fremden Wohnstift untergebracht zu haben. In die Erinnerungsszenen, den episodischen Familiengeschichten um den Vater, Erziehung, dem schweren Emanzipationsprozess von den Eltern draengen sich auch immer die eigenen Reflexionen ueber das Altwerden, die Kinderlosigkeit und die Aengste vor der Zukunft. Claudia Wolff schildert schonungslos den Alterungsprozess. Die Vergreisung der Mutter begleiten eine immer groesser werdende Distanz und Entfremdung. Dagegen kaempft die Tochter an und sucht auf bemerkenswerte Weise nach einer gedanklichen Verbindung zwischen sich und der Mutter. Claudia Wolff hat fuer ihr Erstlingswerk ein bedrueckendes Thema gewaehlt, aber eine Form und Sprache gefunden, die den Leser trotz der Schwere fesselt. K.H. Amanda Brookfield: Eine Frau fuer Dad, Piper Verlag, Muenchen 2004, 319 Seiten, 13 Euro Fuer Matthew Webster, gutaussehend, Anfang 30, ist nur eines ganz sicher, er hat als Theaterkritiker ein festes Standbein und das Schreiben beherrscht er wie kein zweiter. Sein Glueck, denn ansonsten stuerzt um ihn herum die ganze Familienidylle wie ein Kartenhaus zusammen. Kath, seine Frau, Schauspielerin und seit Joshuas Geburt an Heim und Herd gebunden, verlaesst ihren Mann, denn offenbar waren die kleinen Alltagskomplikationen mit Kind doch der Grund einer Lebenskrise, die sie gut ueberspielen konnte. Auf einem Zettel teilt sie ihremf Mann kurz und knapp mit, dass sie das Weite sucht. Durch Sophie, eine gutbetuchte Freundin, erfaehrt dann der auch noch gehoernte Ehemann, dass ein anderer mit viel Geld dahintersteckt. Josh ist vier Jahre alt und kann nicht fassen, dass seine Mami fort ist. Matt muss seinen Sohn nun kennenlernen und sein Leben neu ordnen. Alles bisherige erinnert sehr an den Spielfilm “ Kramer gegen Kramer “ bis hin zu dem Unfall, den auch Josh erleiden muss, damit der Leser erkennt, wie eng nun die Beziehung zwischen Vater und Sohn geworden ist. Matt aendert seinen Arbeitsrthytmus, gewinnt den Vater als Babysitter und Josie, einen jungen ausgeflippten Teeny, der gut mit Kindern umgehen kann. Die Frauenwelt bedauert den armen Verlassenen und sogar die verhasste Schwiegermutter bietet ihre Dienste an, eine Geliebte ist schnell gefunden und eine Arbeitsreise nach New York soll den arg gebeutelten Matt ablenken. Bei seinem engen Freund Graham, dem Geldgenie, findet Matt auch die Ruhe, die er braucht und einen seltsamen Verschlag mit schicken Kleidern. Die Geschichte ist einfach gestrickt und durchschaubar. Unklar bleibt, warum eine Mutter, die auch noch zu einem Mann geht, der viel Geld hat, ihr Kind nicht mitnehmen? Viele Erzaehlstraenge sind undurchsichtig und sollten vielleicht auch nicht genauer hinterfragt werden. Fast-Food-Literatur. Der Verlag kuendigt “ Eine Frau fuer Dad “ als romantische Komoedie an, richtig gelacht werden kann aber nicht. Wer schnelle leichte Sommer-Lese-Kost mit Happy End mag - viel Spass! K.H. Kerstin Mlynkec: Drachentochter, Rowohlt Verlag Berlin, 2004, 288 Seiten, 17,90 Euro Vom ersten Tag ihres Lebens wird sie sich ihre Drachenhaut bewahren und “ grenzenlose Gleichgueltigkeit und ein hieb- und stichfestes Fell”. Wie sonst koennte ein Kind auch all die Grausamkeiten Erwachsener verkraften, die in ihrer Sprach- und Emotionslosigkeit es nur abschieben, schlagen und ihm Verantwortung geben, die es gar nicht tragen kann. Das Hin- und Hergezerre wird ihre Kindheit in den 60er Jahren in der DDR praegen. Mal darf sie bei der Grossmutter, der “ Alten “ auf dem Bauernhof im Spreewald ein wenig unbegrenzte Freiheit spueren, dann wieder die dikatatorische Enge des Heimes, dann ein Leben beim Vater, der zumindestens etwas Gefuehl zeigt und dann wieder die triste Zeit bei der viel zu jungen, ungeduldigen und hilflosen Mutter, die sie lernt zu hassen. “ Ich schmolz wie Holz.”, erinnert sie, wenn sie an die Besuche der Mutter im Heim denkt. Auf die Frage am ersten Schultag nach ihrem Namen kennt das Maedchen keine Antwort. Sie wird ein unbehaustes Leben fuehren und nicht vom System zerrieben werden, im Gegenteil. Die Sperrigkeit und Klarheit in ihrem Denken gibt ihr einen ungewohnten, inneren Spielraum. Ist das nun ein autobiographischer Text oder eine Ansammlung von Beobachtungen in episodischer Form ? Immerwieder laufen der Protagonistin Menschen ueber den Weg, die sie weiterbringen und enttaeuschen. Studium und Lehre enden mit dem Rausschmiss, eine Republikflucht misslingt. Keine engen Bindungen kann sie eingehen, aber Pferde wird sie verstehen und lieben. Beim Lesen spuert man Empathie mit der geschundenen Hauptfigur, die gegen zu viele Hindernisse laufen muss. Viel Arbeit steckt in der sperrigen Sprache und den gewollt originellen, aufgesetzten Wortschoepfungen, die das Lesen des Buches erschweren. K.H. Hartmut Lange: Leptis Magna, Diogenes Verlag, Zuerich 2003, 166 Seiten , 16,90 Euro Auf den ersten Blick scheinen Alltagsgeschichten im Zentrum der Novellen zu stehen: Ein Professor (“ Der Umzug “) erbt ein Haus in Wien. Ein junges Paar ( “Leptis Magna”) beginnt sein Leben zu ordnen. Und doch klingen zwischen den Zeilen seltsame Toene und hinter dem undurchsichtigen Verhalten der Protagonisten scheinen Geheimnisse zu stecken, die auch nicht im Ansatz durchschaubar sind. Hartmut Lange gewaehrt dem Leser keinen Blick in das Innere der Figuren. Fast sachlich beschreibt er die Vorgaenge, auch Unsicherheiten. So beauftragt Professor Bodewig, der eine sanierungsbeduerftige Villa in einer malerischen Wohngegend Wiens geerbt hat, seine Frau alle noetigen Arbeiten vor Ort zu beaufsichtigen. Sein eigenes Haus im Stadtteil Berlin-Zehlendorf laesst er raeumen und alles Mobiliar in einem Speicher lagern. Leer sind die Raeume, ungewiss sein kuenftiges, berufliches Arbeitsfeld als Politologe. Wird er sich um einen Lehrstuhl in Wien bemuehen oder bleibt er in Berlin? Alle Wege zur Rueckkehr sind seiner Frau versperrt, das Telefon abgestellt. Zweifel machen sich breit. Vorgeschickt wird der Schwiegersohn, der den Professor in weiblicher Begleitung beobachtet und seine Schluesse zieht. Aber Bodewig scheint diese neue Lebensform in der voelligen Einsamkeit zu geniessen. Ist es ein Schritt zum Wahnsinn hin oder nur eine Moeglichkeit alles hinter sich zu lassen und neu zu beginnen? Auch der Computerfachmann Van Der Velde scheint mit Sybille, seiner Lebensgefaehrtin, eine normale Beziehung zu fuehren. Auch wenn er ihr schon lang die Hochzeit und die Reise nach Neuseeland vesprochen hat und viel auf Dienstreisen ist, vermutet man weder Luegen, Krisen oder gar ein Doppelleben. Nur der rote Sand, der aus seinem Gepaeck rieselt und sich fast unmerklich in der Wohnung verteilt, beginnt auf mysterioese Weise Sybille zu verunsichern. Ratlos bleibt sie als Van Der Velde nicht mehr zurueckkehrt. Ohne Erklaerung wie Bodewigs Frau soll sie die Verhaltensweisen deuten, die unausgesprochenen Aengste oder Krisen verstehen. Der Boden der Tatsachen wurde verlassen. K.H. Mark Haddon: Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone, Karl Blessing Verlag, Muenchen 2004, 288 Seiten, 18 Euro Mark Haddons Held Christopher Boone ist ein liebenswerter Aussenseiter, ein 15-Jaehriger, der nicht nur auf seine naehere Umgebung im kleinen suedenglischen Swindon seltsam wirkt. Er faerbt seine Lebensmittel, die gelb oder braun sind, diese Farben hasst er, mit roter Lebensmittelfarbe, die er immer dabei hat. Christopher leidet am Asperger-Syndrom, einer leichten Form des Autismus. Zwar besucht er eine Sonderschule, aber seine mathematischen Faehigkeiten, so kennt er saemtliche Primzahlen bis 7507 auswendig ( Die Kapitel seines Buches sind nach Primzahlen geordnet.) und wird als erster Schueler seiner Schule das Matheabitur ablegen. Die Mathematik gibt Christopher, wie er selbst erlaeutert, Sicherheit und einen Rahmen, in dem er sich gekonnt bewegen kann. Ansonsten sind seine Verhaltensweisen gerade in ungewohnter Umgebung oder entgegen seinen routinierten Lebensregeln den emotionalen Ausbruechen eines unberechenbaren Kleinkindes aehnlich. Verblueffend ist die Gradlingkeit mit der Christopher sein Leben im wahrsten Sinne des Wortes ordnet. Ein Superguter Tag ist der, an dem Christopher 5 rote Autos nacheinander die Strasse hinunterfahren sieht. Der Junge hat seine eigenen Vorstellungen von Logik und von der Welt. Er luegt nie, haelt seine Versprechen und kann nur klare, sprachliche Aeusserungen verstehen. Wenn seine Nachbarin Mrs Shears Redewendungen benutzt, dann koennte Christopher verzweifeln, denn er versteht nicht, was sie will. Mrs. Shears ist es dann auch, die nicht ganz unbeteiligt an den vorliegenden Aufzeichnungen von Christopher ist. Wurde doch ihr Hund Wellington auf brutale Weise mit einer Mistgabel getoetet. Christopher will nun, sein Lieblingsbuch “ Der Hund von Baskerville “ mag den Anstoss gegeben haben, in Sherlock Holmes Fussstapfen treten und das Verbrechen aufklaeren. Auch wenn er seinem Vater das Versprechen gibt, sich nicht in die Angelegenheiten anderer Leute einzumischen, obwohl ihm nicht ganz klar ist, was das wirklich bedeutet, kann er entgegen aller Gewohnheiten von dem Fall nicht lassen. Und das soll Folgen fuer alle Beteiligten haben. Christophers Weg ins Erwachsenenleben ist voller Stolpersteine und voellig chaotisch. Ein Zustand, der ihm unermessliche Energien abfordert. Die Geschichte Christophers ist komisch, voller Lebensweisheit und ohne eine Spur falscher Sentimentalitaet. Mark Haddon weiss wovon er schreibt, immerhin hat er selbst mit behinderten Menschen gearbeitet. KARIN HAHN. Autoren: Angelika Kluessendorf,Viola Roggenkamp, Christa Wolf, Christoph Hein, P. F. Thomese,Claudia Wolff, Amanda Brookfield, Kerstin Mlynkec, Hartmut Lange, Mark Haddon “ Aschenputtel “ ist nicht nur ein Grimmsches Maerchen, “ Aschenputtel zu zweit ““ |
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