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The Author: Karin Hahn is specialist critic for childrens literature and a Juror for'The Best Seven', a monthly selection of new books for children published in Germany. She broadcasts regularly for DeutschlandRadio, Antenne Brandenburg and other stations Karin Hahn produces radio plays for children and biographical radio features.

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KINDER & JUGENDLITERATUR - Sommer 2003

KARIN HAHN

LITERATUR fuer Kinder und Jugendliche

Maurice Sendak - 75. Geburtstag / 10. Juni 2003

Mit dem diesjaehrigen ersten Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis wurden am 4. Juni 2003 die österreichische Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger und Maurice Sendak aus den USA bedacht. An Auszeichnungen jedoch mangelt es dem wohl bekanntesten amerikanischen Kinderbuchautor und Illustrator nicht. Maurice Sendak steht vorbehaltlos an der Seite der Kinder, naive Zuckerwelten sind nicht seine Sache. Seinem Prinzip ist er immer treu geblieben: “Ich erzaehle den Kindern einfach die Wahrheit...” Maurice Sendak wurde 1928 als Sohn polnisch-juedischer Einwanderer im New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren. Er war ein Kind mit eigenwilligen Phantasien, das Mickey Maus liebte und Angst vor dem Staubsauger hatte. Sendaks eigene Monster und Daemonen haben ihn zum Kuenstler werden lassen. Sendaks Vater erzaehlte viel vom Schtetl in der Naehe von Warschau und auch der Holocaust während des zweiten Weltkriegs hat tiefe Spuren in Sendaks Werk hinterlassen.

Seit den fruehen fuenfziger Jahren hat Sendak nicht nur Kinderbuecher illustriert, sondern auch selbst geschrieben; so „Higgelti Piggelti Pop!“, „Hektor Protektor“, „Als ich ueber den Ozean kam“ und „In der Nachtkueche“. Maurice Sendak ist der Meinung, dass Kinder schon frueh mit Angst und Sorgen zu kaempfen haben. Um die furchterregenden und unkontrollierbaren Aspekte ihres Lebens zu beherrschen, suchen sie Zuflucht in der Phantasie. Maurice Sendak betonte immer wieder, dass er eigentlich fuer sich und das Kind in ihm schreibt und zeichnet. 1964 erhielt er die höchste amerikanische Auszeichnung, die Caldecott Medal, für das selbst geschriebene und gezeichnete Buch „Wo die wilden Kerle wohnen“.

Maurice Sendak: Wo die wilden Kerle wohnen, Diogenes Verlag Zuerich 1967, 14,90 Euro

Das Bilderbuch “ Wo die wilden Kerle wohnen “ erschien 1967 in deutscher Sprache, zu einem Zeitpunkt als gesellschaftlich festgefahrene Strukturen, moralische Regeln in Frage gestellt und aufgebrochen wurden. Auch im paedagischen Bereich bahnte sich ein Umdenkungsprozess an.

Max, ein kleiner Junge, tobt in seiner Wolfsverkleidung durch die Wohnung und spielt ganz unbeherrscht das wilde Monster. Als er der nicht sichtbaren, aber immer anwesenden Mutter droht: “ Ich fress dich auf.”, muss er ohne Abendessen ins Bett. In der Nacht begibt sich der trotzige Junge auf eine Reise, einer Fahrt zu den Monstern, den wilden Kerlen, seinen inneren Daemonen. Mit den gespenstischen Traumwesen kann er sich ungehemmt austoben, aber er ist als Koenig der wilden Kerle auch in der Lage die riesigen, beharrten Schreckensgestalten zu besaenftigen. Als er mit Heimweh von seiner Reise zurueckkehrt, steht ein warmes Essen auf dem Tisch. Mit Hilfe der Phantasie wendet sich Max der Mutter wieder zu, nachdem er seine Wut auf sie abgearbeitet hat.

Maurice Sendak hatte mit diesem Bilderbuch, heute ein Klassiker, eine Tuer aufgeschlagen, die bis zu diesem Zeitpunkt dem Genre Bilderbuch verschlossen war. Er blickt mit seiner Kunst in die innere Welt, die Psyche des Kindes mit all ihren destruktiven und aggressiven Kraeften.

Robert Ranke Graves, Maurice Sendak: Das Zauberbuch, Diogenes Verlag Zuerich 2003, 63 Seiten, 12,90 Euro

So alt wie der Traum vom Fliegen ist die Vorstellung jedes Kindes, seine Welt durch Zauberkuenste zu beherrschen und zu veraendern. Der Waisenjunge Jack, der bei der moralinsauren Tante und dem langweiligen Onkel aufwaechst, die am liebsten immer nur spazieren gehen, muss nur auf dem Dachboden herumstoebern und schon ist er im Besitz eines gruenen Zauberbuches. Geschickt nutzt der Junge getarnt als alter Mann, der mit seinem Rauschebart wie der liebe Gott aussieht, seine Zaubersprueche, um die pucklige Verwandtschaft hinters Licht zu fuehren. Auf einmal verkehrt sich die Welt ins Gegenteil. Aber Jack nutzt seine Ueberlegenheit nicht aus, nur im gefuerchteten Matheunterricht muss er noch ein bisschen zaubern.

Beatrice Schenk de Regniers, Maurice Sendak: Schau, was ich tu mit dem Schuh, Deutsch von Ernst Jandl, Middelhauve 1999,

Mit seinen filigranen Miniaturzeichnungen findet Maurice Sendak viele ideenreiche Bilder fuer die witzigen Texte von Beatrice Schenk de Regniers. Was kann man alles mit einem Hut anfangen? Ein Nest bauen, gruene Gurken hineinlegen oder einen Schlafplatz fuer den Tintenfisch schaffen.

Zwei Kinder spielen in uebergrossen Kleidern Erwachsene. Doch aus den feinen Tassen trinken sie keinen Tee, sondern der Junge futtert sie einfach auf. “ Schau, was ich tu, schau was ich tu, schau was ich tu mit dem Bett!” Ein Bett kann in den verschiedensten Farben angemalt werden oder hat das Bett noch eine andere Funktion? Die alltaeglichen Dinge des Lebens werden in Spielszenen zu ungeheuren Abenteuern und warum sollte man mit einem Stuhl nicht zum Mond fliegen?

Else Holmelund Minarik, Maurice Sendak: Ein Kuss fuer den Kleinen Baeren, Der Kleine Baer, Vater Baer kommt heim, Der Kleine Baer auf Besuch, Der Kleine Baer und seine Freundin, Verlag Sauerlaender 1997, jeder Band 10,80 Euro

Ungewohnt idyllisch wirken die braven Bilder aus der Feder von Maurice Sendak fuer die Else Holmelund Minarik - Geschichten vom Kleinen Baeren. Sendaks dynamische Zeichnungen erwecken den Kleinen Baeren, Mama und Papa Baer, Frau Ente oder die Seejungfrau voller Empfindsamkeit und Poesie zum Leben. Beim Spielen sammelt der Kleine Baer Erfahrungen und erweitert seinen Blick auf die Welt. Ohne suessliche Gesten oder pummlig-behaebige Baerenklischees zeichnet Sendak seine Figuren, in denen sich Kinder mit ihren Erlebniswelten oder Traeumen wiederfinden. Zwar ist die Baerenwelt eine Anderswelt und doch ist es letztendlich die eigene. Konzentriert erzaehlen Texte und Bilder humorvoll kurze Geschichten. Bei “ Ein Kuss fuer den Kleinen Baeren” malt der Kleine Baer ein wildes Monster und schenkt es der Grossmutter. Sie sendet ihm als Dankeschoen durch die Henne einen Kuss. Der Kuss wird von der Henne, die mit ein paar Freunden lieber schwatzen moechte an den Frosch weitergegeben. Auch er wird abgelenkt und gibt den Kuss weiter. So wandert der Kuss bis zum Stinktiermann. Der gibt den Kuss an eine Stinktierfrau weiter und das hat Folgen. Da erwartet in einer anderen Geschichte der Kleine Baer seinen Papa und hofft auf eine riesige Ueberraschung. Doch statt der ersehnten exotischen Seejungfrau kommt Papa Baer mit einer Meermuschel heim. Auch wenn Grossvater Baer kurz vor dem Geschichtenerzaehlen einnickt und Grossmutter Baer einspringen muss, liebt der Kleine Baer beide Grosseltern ueber alles. Sicher beruht die Faszination dieser altmodischen und beruhigenden Baerengeschichten auf der kindlichen Neugier und Spontanitaet des Kleinen Baerenkindes, dessen Leben nach aussen so unaufgeregt wirkt, in Wirklichkeit jedoch voller Abenteuer steckt. (K.H.)

Bruno Blume, Jacky Gleich: Mitten in der Nacht, Fischer Schatzinsel 2002, 12,50 Euro

Nominiert fuer den Deutschen Jugendliteraturpreis 2003 in der Sparte Bilderbuch wurde

“ Mitten in der Nacht” von Bruno Blume ( Text ) und Jacky Gleich ( Illustrationen ).

Am Beginn der Geschichte ist das alltaegliche Abend-Kuesschen-Ritual mit Mama und Papa in gelben und freundlich warmen roten Farben getaucht. Die Schmuseente eng an den kindlichen einsamen Koerper gedrueckt, kann der Schlaf kommen. Im naechsten Bild ist das Licht aus, nur ein schmaler Schein kaempft sich in den Raum. Dann - absolute unheimliche Dunkelheit. Wirbelnde Bewegungsablaeufe voller Schwung sind das zeichnerische Erkennungsmerkmal der Bildkuenstlerin Jacky Gleich. Zum verknappten, klaren Text von Bruno Blume inszeniert Jacky Gleich einen wilden Krakeltanz der dunklen Traumbilder, erfindet lustvoll expressive Schauerfiguren und laesst dabei jegliche Perspektiven ausser Acht. Eindrucksvoll jagen sich mitten in der Nacht die schwarzen Schattengestalten und die uebergrosse Angst des Kindes gegenseitig davon. Eine Bildergeschichte fuer mutige Kinder und welche, die es werden wollen. (K.H.)

papan, Gerhard Glueck: Der neue Pullover, Lappan Verlag 2003, 14.90 Euro

Lillys neuer Pullover ist haesslich: kackbraun und mit pipigelben Streifen. Aber kleine Menschen werden nicht nur uebersehen, sie bekommen auch noch schreckliche Geschenke. Brav zieht Lilly den Monsterpullover ueber den Kopf und steht versunken und einsam im Dunkeln. “ Das haelt ja kein Schwein aus!” Und auf’s Stichwort erscheint im Pullover ein Schwein, das es gar nicht schaetzt, wenn es in seinem Bett aus dem Schlaf gerissen wird. Da streiten Radiergummi und Bleistift ums Papier, Schafe stricken fuer den Schaefer Pullover und es geht um Kompromisse, die zwei Hundehaelften eingehen sollen. Wie Alice durchlaueft Lilly undurchsichtige, skurille Traumwelten in ihrem Wunderpullover, phantasiereich bebildert von Gerhard Glueck. (K.H.)


Malachy Doyle, Angelo Rinaldi: KUH, Gerstenberg Verlag 2003, 12,90 Euro

Beeindruckend gross sind die Koepfe von Kuehen mit ihren treuen braunglaenzenden Augen. Zwei sind auf dem grossformatigen Bilderbuch “ Kuh “ von Malachy Doyle ( Text) und Angelo Rinaldi ( Illustrationen) abgebildet. Wie magisch ziehen sie den Betrachter in die konzentriert erzaehlte ruhige Sachgeschichte. Exakt gezeichnete fast fotorealistische Illustrationen begleiten den Text ueber den Sommertag einer Kuh, die nicht in einem Stall in Massentierhaltung dahinvegetiert, sondern auf Weiden noch gruenes Gras spuert und frisst. Frueh holt der Bauer die Kuehe von der Weide zum Melken in den Stall. Sirrende, flirrende Sommerstille umgibt die milchschweren Kuehe. Zurueck auf der Wiese geschieht nicht viel, nur die Kinder springen in der Hitze ins Wasser. Ein schoenes Kuhleben scheint das zu sein, ausgefuellt vom Fressen und Wiederkaeuen den ganzen lieben langen Tag. “Eine Kuh hat schon viel zu tun.”, mit diesen Worten endet dieses unaufgeregte, poetische Sachbuch fuer Kinder ab vier Jahren. (K.H.)

Zdenek Miler: Der kleine Maulwurf und die Baeren, Leiv Verlag 2003, 3,95 Euro

Das handliche Pappbilderbuch “ Der kleine Maulwurf und die Baeren” schleppt jedes Kind gern in den Kindergarten, um es seinen Freunden zu zeigen. Die allerdings kennen den kleinen Maulwurf oftmals schon, entweder von der “ Sendung mit der Maus” oder aus anderen vielgeliebten mittlerweile klassischen Buechern, die sie von Geschwistern oder Eltern uebernommen haben: z.B. “ Wie der Maulwurf zu seinen Hosen kam”, “ Vom Maulwurf und seinen Freunden” oder “ Der Maulwurf in der Stadt”. Zdenek Miler hat mit seinem Charakter einen unvergleichlichen Helden geschaffen, der mit seiner Neugier, Froehlichkeit und herzensguten Waerme alle ansteckt. Zum Glueck hat sich Zdenek Miler nicht gnadenlos vermarkten lassen und somit ist der kleine Maulwurf sich treu geblieben und hat Dank der dramaturgisch gut aufgebauten Geschichten, die ihren moralischen Kern nie vordergruendig vermitteln, an Wichtigkeit nie verloren.

An einem schoenen Fruehlingstag beschliesst der Maulwurf in den Bergen ein Picknick zu machen. Nicht ahnend, dass ihn eine hungrige Baerenfamilie beobachtet, packt er seinen runden, bunten Kuchen aus. Doch, oh Schreck, so schnell wie die Baeren sich auf das Suesse stuerzen, so schnell ist der Maulwurf gefluechtet. Allerdings knurrt nun sein Magen. Die Baeren wollen alles wiedergutmachen und fangen einen dicken Fisch fuer den Maulwurf. Aber der kleine Maulwurf wirft das aengstliche Tier wieder ins Wasser. Die Einfachheit der Botschaften in den Maulwurfgeschichten faszinieren und sicher auch die flaechigen altmodischen Zeichnungen, in denen witzige Details auffallen und zum immer neuen Anschauen reizen.

Zum Vorlesen jedoch koennte die Geschichte vom Maulwurf und den Baeren sprachlich etwas mundgerechter sein.


Raymond Briggs: UG - Das Wunderkind aus der Steinzeit und seine Suche nach den weichen Hosen, Carlsen Verlag 2003, 16 Euro

Wunderkinder und Generationskonflikte gab es zu allen Zeiten, warum nicht auch in der Steinzeit. Hart, unbequem und kalt sind da nicht nur die Hosen, die Betten und die Muetter, sondern auch der Stein zum Fussballspielen. Warum ist er nicht weich? Warum gibt es keine warmen Fellhosen? Der wohlgenaehrte Steinzeitjunge Ug ist seiner Zeit weit voraus und die erwachsenen Betonkoepfe, vor allem der alte Drachen, sprich Ugs Ma, haben kein Verstaendnis fuer seine innovativen, tollen Ideen und fuer seine lauten nervigen Gedanken schon gar nicht. Ug ist kein Hellseher, er stellt einfach nur naive Fragen und das darf er auch als praehistorisches Kind. Ug benutzt seinen Verstand, den Zufall, der ja bekanntlich bei Erfindungen eine grosse Rolle spielen kann und sein Gefuehl in der nicht gerade inspirierenden grauen Steinlandschaft. Mit Pa an Ugs Seite, immer gibt es jemanden der genialen Geistesblitzen trotz Skepsis zum Durchbruch verhilft, zieht der Steinzeitjunge das Projekt

“ Fellhose” erfolgreich bis zum Ende durch. Realsatire und Komik finden sich in diesem Comicstrip des bekannten britischen Zeichners Raymond Briggs, der ganz nebenbei ein Stueck Menschheitsgeschichte vorbeiziehen laesst.



Claudine Desmarteau: Alles steht oben geschrieben, Bajazzo Verlag 2003, 11 Euro

Claudine Desmarteau ist durch ihr witziges Bilderbuch “ Als Mama noch ein braves Maedchen war” aufgefallen. Mama hat als Kind alles richtig gemacht und war immer brav. In wunderbaren Bildideen setzt Claudine Desmarteau das Wunschdenken von Mama ihrem vielleicht wahrhaften Verhalten, naemlich dem eines kleinen aufmuepfigen, lebendigen, frechen und sympathischen Maedchens gegenueber. In dem skizzenhaften und minimalistisch gehaltenen Bilderbuch “ Alles steht oben geschrieben” thematisiert die Kuenstlerin den Glauben an das Schicksal. Alles scheint vorgegeben. Philipp, der Junge, der im Mittelpunkt der Handlung steht, geht den Fragen auf den Grund: Was ist vorbestimmt? Und wohin werde ich gehen? Welche Entscheidungen kann ich noch selbst treffen? Philipps Vater, Grossvater und Urgrossvater moegen den Alkohol. Heisst das, Philipp wird auch dem Alkohol als Erwachsener zusprechen? Als sich Philipp auf den Schicksalsglauben einlaesst, bemerkt er sehr schnell, wie wenig doch die Wirklichkeit damit zu tun hat. Fuer den abstrakten Begriff Schicksal findet Claudine Desmarteau eine schluessige Geschichte und eine komische Bild- und Zeichensprache.


Karoline Kehr: Ich kann zaubern, Mami!, Gerstenberg Verlag 2003, 11,50 Euro

Karoline Kehr liebt rosa Toene, komische Ideen und das Experiment mit der Wirklichkeit. Auch in ihrem Buch “ Ich kann zaubern, Mami!” verbindet Karoline Kehr wieder Modellbau und Fotoillustration, um eine authentische Atmosphaere zu schaffen. So taucht in ihrem witzigen Bilderbuch ein fast echter schraeger Frisoersalon auf, ein Refugium fuer sich. Allerdings ein langweiliger Ort fuer Jungen, die nichts so oede finden, wie mit Mami zum Haarewaschen und Schneiden zu gehen. Sie entspannt sich und ihr propperer Junge dreht Daeumchen oder popelt. Doch dann ertoent sein Aufmerksamkeit heischender Schrei: “ Mami, ich kann zaubern!” Ein Frosch auf dem Kopf loest kein Erstaunen hervor, die Zeitschrift mit den schicken hippen Frisuren ist fuer Mami viel interessanter. Soll sich das Kind doch ein bisschen beschaeftigen und zaubern. Sich unsichtbar machen bringt dem Jungen auch nicht mehr ein als Mamis gespieltes: “Uiii!”. Etwas Ungeheuerliches im wahrsten Sinne des Wortes muss gezaubert werden. Mamis Gleichgueltigkeit hat leider Folgen und da nuetzt auch die schoenste Frisur nichts mehr. Vor Schreck sucht sogar der Frosch das Weite!


Wilhelm Schlote: Mein Opa hat die Taschen voller Buntstifte, Middelhauve 2003, 12,95 Euro

Wer wuenscht sich nicht einen liebenswerten Opa, der die Welt in Bildern festhaelt und im Besitz eines roten magischen Stiftes ist, um die Dinge oder Personen, die ihn stoeren, einfach durchzustreichen? Welche Macht! Opa scheut sich auch nicht, die Schule samt ungeliebter Lehrerin mit roten Kreuzen zu schmuecken. Wenn Charlotte einen bunten Brief von ihrem Opa bekommt, kullern auch gleich Bonbons aus dem Kuvert. Sich ein Leben malen, wie es einem gefaellt: ein wunderbare Idee. Opa macht sich keine Sorgen, dass ihn die Umwelt nicht als erwachsen ansieht, nur weil er immer Buntstifte in der Tasche hat. Farbig ist das Leben voller unbeschwerter Strichmaennchen vor sonnengelbem frohen Hintergrund. Ein bisschen Angst hat Opa nur vor dem lieben Gott. Eine leichtgewichtige Geschichte voller Tiefgang!

Axel Scheffler, Julia Donaldson: Mein Haus ist zu eng und zu klein, Beltz & Gelberg Verlag 2003, 12,90 Euro

Nach “ Der Riese Rick macht sich schick”, “ Wo ist Mami?” oder “ Fuer Hund und Katz ist auch noch Platz” haben das bewaehrte Duo Axel Scheffler ( Illustrationen) und Julia Donaldson ( Text) wieder in die Fabelkiste gegriffen und sich ein Bilderbuch fuer Kinder ab vier Jahren ausgedacht. “ Mein Haus ist zu eng und zu klein” ist nicht nur der Titel des Bilderbuches, es ist auch der ewige Jammergesang von Oma Agathe. Allerdings kommt es ja immer auf die Betrachtungsweise an, wie man die Dinge sieht. Offenbar hat Oma Agathe immer etwas zu meckern. Als dann ein weiser Mann, der Oma mit der typischen runden Axel-Scheffler-Knubbelnase einen guten Rat erteilt, aendert sich auch ihr Blickwinkel. Huhn, Schwein, Ziege und Kuh ziehen ins kleine Haus ein und sorgen als chaotische Mitbewohner fuer jede Menge Trubel. Omas Klagelied von der Enge findet kein Ende. Doch alles im Leben ist relativ und unter bestimmten Umstaenden, erscheint auch ein kleines Haus riesig.

Julia Donaldson baut wieder auf das Spiel mit den sich wiederholenden Textpassagen. Fuer die von Station zu Station sich abwickelnden Vorgaenge des Ein- und Auszugs kommt Axel Scheffler mit seinen vergnueglichen Zeichnungen schnell auf den Punkt.


Mario Ramos: Ich bin der Staerkste im ganzen Land!, Moritz Verlag 2003, 10,80 Euro

Mario Ramos spielt in seinen Bilderbuchgeschichten gern mit den kleinen und grossen Ueberraschungen des Lebens. Nach einem guten Essen unternimmt der graue, grosse Wolf einen Spaziergang durch den Wald. Um sich die Laune aufzubessern, stellt er allen, die er trifft eine Frage: Wer ist der Staerkste im ganzen Land?

Was sollen die drei kleinen Schweine oder Rotkaeppchen so mitten im Wald und mutterseelenallein da auch antworten? Schnell in Deckung gehen und dem eitlen Wolf nur ja nicht widersprechen. Auf jeden Fall bessert sich die Stimmung des Wolfes von Schritt zu Schritt. Er wird groesser und aufgeblasener, je mehr kleine Tiere er auf seinem Rundgang befragt. Doch genauso wie die boese Koenigin, die auch stolz, hochnaesig und eingebildet war, kann der Wolf die Wahrheit nicht vertragen. Denn als er einem kleinen Quaddelwabbel oder Kroeterich oder Was-soll-denn-das-fuer-ein-Tier-sein? begegnet, waere sein Verdauungsspaziergang beinahe in einem Fiasko geendet. Ohne Zweifel exisieren noch beeindruckendere, imposantere Erscheinungen im Wald als der kleine graue Wolf. Etwas mehr Bescheidenheit taete dem an den zeichnerischen Rand gedraengten Angeber sehr gut.


Isabel Pin: Die Koenigin der Blumen, Neugebauer Verlag 2003, 12,80 Euro

Manchmal koennen Kinder sich einfach nicht gegen die Erwachsenen durchsetzen und selbst bestimmen, was sie als Faschingskostuem anziehen. Catherine waere sicher nicht als Biene gegangen, haette sie ihre Entscheidung selbst treffen duerfen.

Isabel Pin erzaehlt mit Zeichenstift und der Kraft der Erinnerung von Catherine und ihrem unvergesslichen Faschingserlebnis. Teils grossflachig gemalt, teils nur in filigranen Ausschnitten beschreibt sie, wie die Familie keine Muehe scheute, um ein Bienenkostuem zu fertigen. Die Prinzessinnen, Engel, Feen und Koeniginnen auf dem Karneval in der Schule lachen nur ueber die dicke Biene. Diese laesst die Fluegel haengen und flieht in den Garten. Zaertlich und voller Bewunderung schweben die Blumen um die zugegeben runde Biene herum und ploetzlich hoert Catherine Stimmen. Eine feine Geschichte wie ein trostvoller Seiltanz zwischen Wirklichkeit und Imagination.



Melanie Kemmler: Der hölzerne Mann, Aufbau Verlag, Berlin 2003, 15 Euro

“ Nochmal, nochmal! Hoelzerner Mann!” Kinder sind fasziniert von der Einfachheit der laechelnden, kegelfoermigen, altmodischen Holzspielfigur, dem finster dreinblickenden Foerster, der Maus auf Raedern, der Katze und dem Hund. Auf dem Fussboden im Spielzimmer agieren die starren Protagonisten in einer knappen, klar erzaehlten Geschichte, die sprachlich streng gehalten an einen sich abspulenden Abzaehlreim erinnert. Wie im Film wird das kleine Haus des hoelzernen Mannes herangezoomt, in dem Kisten verstaut sind. Baeume tauchen auf, die eigentlich zur Spiellandschaft einer elektrischen Eisenbahn gehoeren und Schatten wandern von Bild zu Bild bis hin zu einem riesigen Schatten, den das Kind wirft, das all diese Figuren scheinbar bewegt. Neben dem kurzen, schnellen Text, der wunderbar mitgesprochen werden kann, begeben sich Kleinkinder gern auf Bildsuche: zum Beispiel nach der Katze. Die weichen warmen Farben beleben die Spiellandschaft und wechseln zu spannungsgeladenen duesteren Toenen, um einen unheilvollen dramatischen Sturm anzudeuten. Doch alles bleibt an seinem Platz und der hoelzerne Mann steht am Ende im Bildmittelpunkt. Seine Spielkameraden warten wohl aufgeraeumt in seinem Haus.

Melanie Kemmler, Jahrgang 1972, hat in ihrem Erstlingswerk sehr subtil eine wundersame Traumlandschaft mit statischen Spielfiguren geschaffen, die fern von ueblichem Hightech-Spielkram ebenso die Fantasie befluegeln koennen und beim kindlichen Betrachter viele Fragen wecken.



Sabine Wiemers, Sylvia Heinlein: Pit im Baumhaus, Beltz & Gelberg Verlag 2003, 12,90 Euro

Mama ist zwar physisch anwesend, sie ist auch ansprechbar, aber in Gedanken ist sie ganz woanders: bei der Waschmaschine oder beim Kaffeemachen oder , oder ......Pit ist sauer. Er hat keine Lust mehr in der Warteschleife zu sitzen, dann schon eher mit seinen Mannen im Baumhaus. Aus Protest hat er sich in seinen Piratenausguck zurueckgezogen.

“ Nie kommt Mama jetzt. Immer gleich. Und gleich ist sowieso NIE!”

Da hat er diese “superprimatolle” Burg fuer die Piraten gebaut. Und was ist? Mama nimmt ihn nicht ernst und hat keine Zeit, um sein Werk anzuschauen. Die “klitzekleinen” Minuten, die Mama braucht, um die Waschmaschine auszuraeumen und sich Kaffee zu machen, werden zur Ewigkeit. Und als Pit dann zum Mittag gerufen wird, kommt die Retourkutsche. Nichts ist leichter als die Erwachsenen mit den eigenen Worthuelsen hinzuhalten. Auch Pit hat wichtigere Dinge zu erledigen und weshalb sollte er zum Essen antraben, wenn er doch Kekse im Baumhaus hat.

Sylvia Heinlein hat eine typische Alltagssituation in einer unpaedagogischen Geschichte festgehalten. Witzig unterstreichen die Zeichnungen von Sabine Wiemers, die alle Moeglichkeiten der Typographie nutzt, Pits Konflikt. Und wenn Mama oder Papa das Buch vorlesen, sollten sie auch ueber sich nachdenken und dann schmunzeln.



Friedrich Karl Barth, Dorota Wuensch: Himbeermarmelade, Peter Hammer Verlag 2003, 12,90 Euro

Am Beginn der Geschichte sitzt Ricarda mit Grossonkel Georg, dem Eigenbroedler, an einem Tisch und beide essen ihre Lieblingsmarmelade. Auf der letzten Seite sind Himbeermarmeladenbrote fuer Rici und den Onkel geschmiert, doch das Maedchen isst ihre Brote allein. Der Grossonkel ist gestorben. Grossonkel Georg hatte so seine Gewohnheiten, wie das bei alten Leuten ueblich ist. Aber als ihm der Fuehrerschein fuer seinen Diesel von der Polizei abgenommen wird, scheint Grossonkel Georg die Lebenslust verloren zu haben. Nicht mal die Himbeermarmelade, die Rici hoechstpersoehnlich fuer den Grossonkel einkocht und dreimal im Jahr mit der Post verschickt, konnte ihn ermutigen weiterzumachen. Eine traurige Familie verabschiedet sich von dem eigensinnigen Verwandten und auch Rici ist auf dem Friedhof. Ihr Opa, der Pfarrer ist, und die Eltern helfen ihr, den Tod des Onkels zu begreifen. Sie wird nicht mit beruhigenden Luegengeschichten ueber Engel oder Himmelsidyllen abgespeist, sondern darf schwierige Fragen stellen und erhaelt Antworten. Ein schoenes, unsentimentales Buch: troestend, lebensnah, voller Waerme und Verstand.



Imke Soennichsen, Elizabeth Liddle: Mama, wie gross ist der Himmel?, Gabriel Verlag, 11 Euro

Fragende Kinder sind ein Graus, besonders, wenn die Neugier sich auf wissenschaftliche, philosophische oder religioese Themen bezieht und niemals in zwei Saetzen zu stillen waere. Der kleine Pip macht es da seiner Mutter leicht, er wartet gar nicht erst auf eine Antwort, sondern sucht sich seine Erklaerungen gleich selbst.

“ Mama”, sagte er, “ wie weit ist es bis zum Himmel? Ich hoffe, es ist nicht so weit, weil, wenn ich sterbe, dann moechte ich nicht so weit ins Weltall hinaus. Ich moechte ganz nah bei dir sein!”

Je aelter er wird, um so umfangreicher, werden die Ausfuehrungen und Beobachtungen, die seine Fantasie befluegeln. Pip erschliesst sich seine Welt und monologisiert ueber den Himmel, das Weltall, Gott und den Tod, mit einer umwerfenden Logik. In den kurzen Gedankenausfluegen des kleinen Jungen umgreift Elizabeth Liddle komplizierte grosse Menschenheitsfragen, die sich jede Generation irgendwann stellt. Imke Soennichsen hat mit leichtem Zeichenstrich einen sympathischen Pip und seine sehr gegenwaertige Welt eingefangen.


Anne Fine: Auf Wolke sieben, Diogenes Verlag 2003, 230 S., 14,90 Euro

Stol ist ein gluecklicher Mensch, weshalb sollte er sich aus einem Fenster zu Tode stuerzen? Ian, sein bester Freund, versucht in seinen Aufzeichnungen ueber Stol, Klarheit zu gewinnen. Stols Eltern, beide beruflich extrem erfolgreich, nehmen sich wenig Zeit fuer ihr Kind und parken den Sohn gern bei den Nachbarn. Ein verwahrlostes Wohlstandskind koennte man denken, waere da nicht Ians unkomplizierte Familie. Inzwischen hat auch Ians Mutter die Erziehung und Aufsicht fuer beide Jungen uebernommen und Stol ist das ganz recht. Stol lebt in seiner eigenen Welt und das heisst auch: “ Stol lebt auf Wolke sieben.” Er kann sich fuer alles begeistern, sogar fuer die flirrenden Sonnenstrahlen, die einem ins Gesicht fallen, wenn man auf dem Ruecken liegt und in den Himmel schaut.

Anne Fines Zielscheibe ist die Elterngeneration, die sie trotz aller Fehler ironisch liebevoll darstellt. Sie verbuendet sich mit ihren Protagonisten Stol und Ian, auf deren Seite sie eindeutig steht. Ian ist ein treuer, toleranter Freund, dessen eigene Geschichte, er wurde als Baby in einer Pappschachtel gefunden, ebenfalls Stoff fuer ein weiteres Buch waere. All seine Beschuetzerinstinkte faehrt Ian auf, wenn es um Stol geht. Doch ist der Freund wirklich so naiv zu glauben, er koenne fliegen? Immerhin ist er nicht mehr vier Jahre alt, auch wenn er sich manchmal so benimmt.

Anne Fines Refugium ist die Familie. Hier findet sie ein Reservoir an Konfliktstoffen, die sie Stueck fuer Stueck auseinandernimmt, um zu den wahren Probleme ihrer Protagonisten vorzudringen. Unerklaerlicher Selbstmord unter maennlichen Jugendlichen ist kein aus der Luft gegriffenes Thema. Doch welche Signale hat Stol ausgesandt und was verbirgt sich hinter Stols Unfall oder Toetungsversuch? Letztendlich muss sich der Leser selbst ein Bild machen.


Beate Doelling: Mama verliebt, dtv junoir 2003, 176 Seiten, 7 Euro

“ Ab September haette ich mir auch normale Eltern gewuenscht, aber jetzt wuerde ich mir einen Kuss von Ilias wuenschen. Was soll ich mit “ normalen Eltern ”? Mit denen kann man auch ganz schoen auf die Schnauze fallen. “ Nur die Oma von Maras Mutter aus Hammelburg bei Schweinfurt hat es mit einem Mann ein Leben lang ausgehalten; selber schuld oder “ hart im Nehmen.” Mara, 12 Jahre, lebt mit ihren Eltern und kleiner Schwester Mucki im Mulikultibezirk Berlin-Kreuzberg. Gerade schwaermen Mara und ihre Freundin noch fuer den maennlichen Ben Becker und debattieren ueber die ersten, zaghaften Liebesneigungen, da platzt die attraktive, chaotische Olga in Maras Familie. Allerdings ist sie nicht die neue Freundin des Vaters, sondern sie ist Mamas Geliebte. Wie Mara und der Rest der Familie mit dieser Neuigkeit umgehen und den moeglichen Veraenderungen im Familienalltag, erfaehrt der Leser aus der Sicht des Maedchens. Alle Kinder, die Mara kennt, haben geschiedene Eltern. Das Leben in der Patchwork-Familie ist das normale, nicht das Leben in intakten Strukturen, wie es Mara kannte - vor Olga. Aber Olga spaziert ungeruehrt in das Familienleben und alle akzeptieren es irgendwie. Ueber alles kann geredet werden, auch wenn Maras Vater vor lauter Toleranz der Frosch, den er schlucken soll, im Hals stecken bleibt.

“ Mama ist seit September lesbisch.” Mara kann das nicht so cool hinnehmen, wie es aus ihrem Munde klingt. Sie will nicht reden, um alles zu verstehen. Sie revoltiert, indem sie schweigt und dem Eindringling Olga die Geldboerse klaut. Schwungvoll, direkt und kurzweilig schreibt Beate Doelling und versetzt sich subtil in das Innenleben eines pupertierenden Teenagers. Unwillkuerlich denkt man beim Lesen an Maras niederlaendischer Schwester Pollecke, der Guus Kuijer in seinen Buechern so unverwuestlich Leben eingehaucht hat.

“ Mama verliebt” ist ein Plaedoyer fuer den toleranten Umgang mit der Liebe, egal in wen Mann oder Frau sich verguckt. Klingt gut und doch, es bleibt am Ende der Geschichte ein unwohles Gefuehl trotz erneutem Familienidyll zwischen Vater, Mutter und eigentlich kinderfeindlicher Olga, die ab und zu mal in Hamburg zwecks Arbeit und guten Kontakten besucht wird.



Cornelia Funke, Die Wilden Huehner und die Liebe, Dressler Verlag 2003, 188 S.,

10,90 Euro

Wenn sich Cornelia Funke an ihren Schreibtisch setzt und in ihre phantasievollen Welten abtaucht, moechte sie lieber auf einem Drachen reiten und nicht in einem Bauwagen sitzen. Und doch hat sie sich nun zum fuenften Mal in den besagten Bauwagen begeben, dem Bandentreffpunkt der fuenf Wilden Huehner. Schuld daran sind ihre Leser, die sie in zahlreichen Briefen immer wieder um neue Huehnergeschichten gebeten haben. Allerdings ist es nach vier Baenden nun aus mit den Streichen zwischen der Maedchenbande, genannt Die Wilden Huehner und der Jungengang, Die Pygmaenen, denn im Alter von 12, 13 Jahren sind einfach andere Themen angesagt. Die Liebe ist da ein ganz wichtiger Schwerpunkt, auf den sich die bekannte Kinderbuchautorin diesmal gern eingelassen hat. Alle moeglichen Fassetten des Herz- und Schmerzgefuehls koennen Sprotte, Wilma, Frieda, Melanie und sogar Sprottes Mutter durchleben. Auch die Jungen werden infiziert. Und als sich Wilma dann auch noch in ein Maedchen verliebt, brennt die Luft, denn die schoene Melanie trennt sich von den Wilden Huehnern.

Cornelia Funke kennt ihre verschiedenen Maedchenfiguren und deren Alltag sehr genau. Sie bietet keine schnellen Konfliktloesungen an und scheut sich auch nicht das Leben zu zeigen, wie es ist.



Mikael Engström: Brando, Carl Hanser Verlag, München 2003; 254 S., 14,90 Euro

“ Alles waere supergut gewesen. Wenn es bloss anders gewesen waere.”

Diesem Grundgefuehl koennen sich Brando und seine Freunde Larsa und Ola in diesen Sommerferien einfach nicht entziehen. Immer auf der Hut vor der Perra-Platto-Gang finden die Jungen nur ihre Ruhe auf dem Schrottplatz, geschuetzt vom dreibeinigen, klaeffenden Hund Clipper. Und alles nur weil Brando einmal in seinem Leben einen Elfmeter genau in Perras Tor geschossen hat. Das war ein grosser Fehler! Der 12- jaehrige Marlon Sungren, genannt Brando, aus Solna, einem oeden Ort mit grauen Hochhaeusern, ist nicht der einsame Held, sondern eher der Taktiker, Denker und Philosoph der Jungentruppe. Brando ist es auch, der auf die Idee kommt, den Krieg mit der Perra-Clique zu verkaufen. Mikael Engstroem erzaehlt keine Lausbuben-Geschichten, denn bei den Rivalitaeten der Jungen auf der Strasse geht es brutal zur Sache. Auch wenn Larsa unerwartet zuschlagen kann und Ola, der am liebsten unter dem Kiosk die heruntergefallenen Kronen aufsammelt, magische Faehigkeiten zu besitzen scheint, denn immerhin kann er Perras abgeschossene Luftgewehrkugeln auffangen, ist die Gegnerbande ihnen ueberlegen. Aermlich und unbeschuetzt ist die Welt der Jungen in ihrer Strasse, mit Kiosk und Spielplatz. Die Erwachsenen entpuppen sich als schwach, wenig hilfreich, auf keinen Fall allmaechtig, denn sie sind abwesend. Brandos Fluchtpunkt ist der Abend und seine imaginaere Unterhaltung mit der toten Mutter. Einem Ritual gleich schreibt er beim Erzaehlen seinen Namen an die angehauchte Fensterscheibe um ihn am Ende wieder auszuwischen. Doch die Erwachsenenwelt kommt naeher mit all ihren Unsicherheiten, unverstaendlichen Fragen und Geheimnissen, die die Jungen zu gern erkunden wuerden. Aber nie koennen sie einen Blick auf die schoene Lara von gegenueber werfen, das Rollo faellt immer zu frueh. Auch wenn Brando noch so viele Artikel in Die Welt der Wissenschaften liest und nun endlich weiss, dass die Seele 70 Gramm wiegt, gelangt er nicht hinter die Raetsel, die ihn beschaeftigen. Der Jugendroman “Brando” ist ein gelungener Wurf, denn er haelt die Balance zwischen einer realistischen Handlung voller Spannung und der kindlichen Naivitaet und Phantasie seiner Sympathietraeger: Brando, Larsa und Ola.



Gerald Morris: Platz fuer Parzivals Pagen, Carlsen Verlag Hamburg 2003, 240 S. ,

13 Euro

Die Mittelalterwelt steht auf dem Kopf, denn die Pagen und Knappen bringen den fahrenden Rittern die Manieren bei und sagen ihnen, wie es bei Hofe zugeht. Niemand will mehr auf die altbewaehrte Art kaempfen, die Abenteuer sind viel zu schnell erledigt und kaum ist eine Dame in Sicht, wird auch gleich ohne lange Minnegesaenge und Spielchen geheiratet. Sir Lancelot hat sich als Holzfaeller in den Wald verzogen und Sir Gawain fragt seinen kecken Knappen um Rat. Piers, 11 Jahre alt, hat sich sein Pagendasein an der Seite bedeutender fahrender Ritter voellig anders vorgestellt. Nach langen Diskussionen mit seinen Eltern darf er sich nun endlich Sir Ither anschliessen, um ihn gleich wieder zu verlieren. Parzival, der den Ritter in der roten Ruestung kurzerhand erschlaegt und sich seiner Ruestung bemaechtigt, wird der neue Herr des Pagen. Allerdings ist Parzival, das Muttersoehnchen, ein dummer Tor und nervt mit seinen bohrenden, kindlichen Fragen, die Piers so unendlich peinlich sind. Nach dem ersten grossen Abenteuer ist Parzival im Hafen der Ehe gestrandet und Piers kann sich nicht des Gedankens erwehren, dass es auf Camelot bei Koenig Artus oder bei Sir Tristan in Cornwall sicher spannender zugeht. Alle Mythen und Geschichten von den Rittern der Tafelrunde und der Anderen Welt, dem Reich der Feen, geben sich in diesem flapsig-salopp geschriebenen Buch die Haende. Die hoefische Welt ist eher eine vertraschte Runde von alten Maennern und keifenden Damen als eine schimmernde der Helden, Schoenen und Maechtigen. Und dann bricht Parzival doch auf, um seine Mutter zu besuchen. Auf dem Weg dorthin begeht er einen grossen Fehler und Page Piers ist nicht ganz unschuldig an der Pleite.

Gerald Morris spielt fuer junge Leser mit den ueberlieferten Parzivalgeschichten und lockt sie auf unernste Weise in diese ganz eigene Welt.


Joyce Carol Oates: Unter Verdacht - Die Geschichte von Big Mouth und Ugly Girl, Hanser Verlag 2003, 288 Seiten, 15,90 Euro

Die Angst vor unberechenbaren Anschlaegen auf Schueler, Lehrer geht seit den blutigen Ereignissen von Littleton, Meissen oder Erfurt um. Hingesagte, unueberlegte Drohungen auch im Spass koennen da schon zum Verhaengnis werden. Matt, 16 Jahre, muss diese Erfahrung auf schmerzliche Weise durchleben, denn niemand steht an seiner Seite als die Polizei ihn ploetzlich mitnimmt und ihn beschuldigt, er wolle die Schule in die Luft sprengen. Keine Freunde klaeren auf oder stehen dem allseitsbeliebten Jungen mit der grossen Klappe bei. Nur Ursula, das sportliche Maedchen mit den breiten Schultern, eine selbstbewusste Aussenseiterin, die ihn nicht mal richtig kennt, nur vom Sehen seit der Fuenften, hat das Gefuehl, sie muesse ihm helfen, fuer Fairniss sorgen. Wo die Erwachsenen sich abducken, nicht zuhoeren oder schnell mit Angst reagieren, redet Ursula. Per E-mail, wie auch sonst, kommen die beiden Jugendlichen vorsichtig einander naeher. Joyce Carol Oates hat eine schoene Liebesgeschichte geschrieben und zwei starke literarische Figuren geschaffen, die in der bunten Landschaft der schnelllebigen Jugendliteratur im Gedaechtnis bleiben.

REVIEWS BY KARIN HAHN.