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The Author: Karin Hahn is specialist critic for childrens literature and a Juror for'The Best Seven', a monthly selection of new books for children published in Germany. She broadcasts regularly for DeutschlandRadio, Antenne Brandenburg and other stations Karin Hahn produces radio plays for children and biographical radio features.

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KINDER & JUGENDLITERATUR - 2003-4


KINDER- UND JUGENDBUCH

Monika Osberghaus: Was soll ich denn lesen?, 50 beste Kinderbuecher, Deutscher Taschenbuchverlag Muenchen, Reihe Hanser, 2003; 222 Seiten, 7 Euro

Aktuelle Literaturlisten und -empfehlungen von Zeitschriften oder Rundfunksendern sind sicher eine Variante, um sich aktuell auf dem Buechermarkt zu orientieren. Kompakte Ratgeber zu lesen, wie das ambitionierte aber missglueckten Werk " Hexen, Hobbits und Piraten, Die 100 besten Kinderbuecher " ( Deutsche Verlags-Anstalt) von Susanne Gaschke, sind eine weitere Moeglichkeit. Auch Monika Osberghaus hat sich nun auf die Suche nach den literarischen Perlen im Buechermeer begeben. Mit guten Argumenten hat sie die wertvollsten geborgen. Viele Klassiker tauchen auf, sowie bemerkenswerte, stille Buecher, die im wilden Sturm der Buecherfluten im Laufe der Jahre untergangen sind. Die Autorin schraenkt den Radius ihrer Auswahl auf die 50 besten Kinderbuecher ein, lehnt sich dabei stark an die bundesdeutsche Lesetradition an, keinen Zweifel lassend, dass sie auch gut auf 100 haette kommen koennen. Alle Texte zu den ausgewaehlten Buechern von der " Bibel" ueber " Schorschi schrumpft" von Florence Parry Heide und Edward Gorey bis hin zu Cornelia Funkes Kinderroman " Herr der Diebe " aus dem Jahr 2000 sind durchdacht konzipiert, keinem Zeitgeist untergeordnet, fachlich fundiert und sprachlich genau in der Analyse. Monika Osberghaus liebt diese Buecher. Mit Leichtigkeit und Lust an der Literatur greift sie zu gutgelaunten Formulierungen und Vergleichen, die ihren unverstellten Blick auf das Kinderbuch und Kindheit heute unterstreichen. Zum Beispiel schreibt sie ueber Clement Freuds " Grimpel " : " Er steht jenseits all der sorgsam ausgekluegelten Kindgestalten in der Kinderliteratur, die mit bestimmten wuenschenswerten Eigenschaften behaengt wurden wie ein Christbaum mit Weihnachtskugeln. Man kann deshalb von Grimpel nichts lernen; er ist viel zu raetselhaft, ein unnachahmlicher, markanter Mensch."

Feinsinnig und mit erfrischender Normalitaet beobachtet Monika Osberghaus den kindlichen Alltag und gaengelt den Leser nicht mit paedagischen Attacken gegen das Fernsehen oder Computerspiele. Sicher kann man fragen, weshalb "Der kleine Vampir" von Angela Sommer-Bodenburg trotz registrierter Maengel aufgenommen wurde und warum die osteuropaeische Literatur so gar keine Rolle spielt.

Das Lesen soll laut Monika Osberghaus gluecklich machen und seinen Platz ganz eigenstaendig im Kinderalltag finden. Kinder sollten moeglichst zu den Originalen greifen, Rat suchende Eltern, Erzieher und Lehrer auf jeden Fall zu " Was soll ich lesen? ".

K.H.

Ruth Vander Zee/ Roberto Innocenti: Erikas Geschichte, Sauerländer im Patmos Verlag, Düsseldorf 2003; 24 S., 16,90 Euro

Die amerikanische Autorin Ruth Vander Zee und der italienische Illustrator Roberto Innocenti erzaehlen in ihrem ungewoehnlichen Bilderbuch ueber den Holocaust die bewegende Geschichte einer Rettung vor den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten. 1995 kommt die Schriftstellerin im beschaulichen Staedtchen Rothenburg ob der Tauber mit einer fremden Frau gleichen Alters ins Gespraech. Erika, so der Name der Frau, vertraut Ruth Vander Zee ihre Lebensgeschichte an. In der Rahmenhandlung laesst die Autorin Erika als Ich-Erzaehlerin berichten. Irgendwann im Jahre 1944 wurde sie geboren, sie weiss es nicht genau, denn Erika ist ein Findelkind. In einer sich langsam vorantastenden Sprache rekonstruiert Erika die letzten Stunden mit den Eltern, die sich auf einem Transport Richtung Dachau befinden. Sie kennt weder ihre Nationalitaet, noch ob sie Geschwister hatte oder wie ihr wahrer Name war. Nur eins ist gewiss, sie ist Juedin. Erika kann nur Vermutungen aeussern. Fragesaetze reihen sich aneinander und ein staendiges Innehalten, als muesste sie alles nocheinmal ueberdenken: Wie es gewesen sein muss, ein entwuerdigendes, rechtloses Leben im Ghetto zu fuehren, in einem Viehwaggon zu stehen und in die Ungewissheit mit einem Baby im Arm zu fahren. All das versucht Erika sich vorzustellen und vor allem denkt sie darueber nach, wie die Eltern zu dem aussergewoehnlichen Entschluss kamen, ihren Saeugling aus dem engen Fenster eingehuellt in Decken zu werfen?

" Auf ihrer Fahrt in den Tod warf mich meine Mutter ins Leben."

Ruth Vander Zee formuliert einfuehlsame, einfache Saetze. Sie baut auf die verstoerende Wirkung, die ihr Text hinterlaesst. Einpraegsam auch die Illustrationen des vielgelobten, detailgenauen Illustrators Roberto Innocenti. Seine fotorealistischen Bilder in braun, schwarz, grauen, weissen Toenen erzaehlen die Geschichte Erikas durch seine wohlueberlegten Bildkompositionen nocheinmal. Spielten die Gesichter in dem Bilderbuch ueber den Naziterror " Rosa Weiss" ( Alibaba Verlag) , das vor gut 20 Jahren von Innocenti erschienen ist, eine besondere Rolle, so sind sie in " Erikas Geschichte " nicht sichtbar. Nur ein schemenhaftes Antlitz des liegenden Babys neben dem fahrenden Zug ist angedeutet. Innocenti stellt meisterhaft Leben und Tod symbolisch in seinen konzentriert gezeichneten Aquarellbildern nebeneinander dar.

Jede Generation wird sich mit dem Holocaust beschaeftigen und Fragen stellen. Ueber das Erzaehlen von authentischen oder fiktiven Geschichten, kann es moeglich sein, sich dem Ungeheuren, dem Grauen, dem Unvorstellbaren zu naehern.

K.H.

John Irving, Tatjana Hauptmann: Ein Geraeusch, wie wenn einer versucht, kein Geraeusch zu machen, Diogenes Verlag, Zuerich, 2003; 35 Seiten, 16,90 Euro

Wer den geschichtenreichen, voluminoesen Roman von John Irving " Witwe fuer ein Jahr " gelesen hat, erinnert sich sicher an viele Figuren, Details, Erzaehlungsstraenge bis hin zu Bildern, die im Kopf beim Lesen entstanden sind und an die Kindergeschichten, die in der Handlung erzaehlt werden.

Nun hat der Diogenes Verlag die Nachtgeschichte von Tom und Tim als Bilderbuch, ausdrucksstark illustriert von Tatjana Hauptmann, herausgebracht. Tom in Begleitung seines Teddys, der auch mal eigene Wege geht, lauscht einem nie gehoerten Geraeusch nach und sein Ideenreichtum, was denn da wohl klappert, trampelt oder giggelt, so als gebe sich das geheimnisvolle Wesen, was soll es sonst sein, alle Muehe kein Geraeusch zu machen, kennt keine Grenzen. Immer im Gespraech mit dem beschwichtigenden Vater, der in den Bildern nicht auftaucht, macht Tom seine Entdeckungsreise durch die stillen Nachtraeume, wo jeder Laut unheimlich wirken muss und jeder Schatten an der Wand zu einer Bedrohung wird. Der unerschrockende Tom tapst in seinem uebergrossen Schlafanzug durch das nachtblaue, einsam stehende Holzhaus. Nur armlose, beinlose Monster koennen solche Geraeusche hinterlassen, davon ist Tom ueberzeugt. Doch je mehr er im wortreichen Zwiegespraech dem Unsichtbaren eine Gestalt gibt, um so mehr schrumpft es in sich zusammen. Auf den letzten Seiten werden Leser und Zuhoerer vom schnellen Ende ueberrascht. Schade, wo man sich so schoen in diesem Nachthaus gegruselt hatte und noch ewig weiter suchen und fabulieren koennte. Keine Frage: Die Geschichte muss nochmal von vorn beginnen.

K.H.

Heinz Janisch, Selda Marlin Soganci: Schenk mir Fluegel, NP Verlag, 2003; 32 Seiten, 14,90 Euro

Engel haben immer Konjunktur, ob sie als Traumwesen erscheinen, als Schutzengel fungieren oder einfach nur aus einer Zeichnung eines kleinen Jungen heraussteigen und fordern:

" Schenk mir Fluegel..." Doch es sollen keine gewoehnlichen, langweiligen Federfluegel sein. Nein, das Engelmaedchen mit den runden Armen und Beinen, dem vollen ausdrucksstarken Gesicht gekroent von zwei aufgesteckten Haarkugeln, ist da schon anspruchsvoller. Auf gemasertem schoenem Fichtenleimholz wirkt die Geschichte von den Engelsfluegeln wie ein kleines Kunststueck der besonderen Art. Aufgeweckt, aber auch nachdenklich erscheint das gezeichnete Engelwesen, die Fantasiegestalt des Jungen, die einfach nur ein paar Dinge ausprobieren moechte. Schwungvoll und einmalig sind dann auch die Engelsfluegel, mal so lebendig rauschend wie das Meer, mal so zerbrechlich und grazil wie Glas, angefuellt mit der Leuchtkraft der Sonnenstrahlen und kompliziert verknotet wie ein Buchstabensalat. Die Struktur des Holzes schimmert ab und zu durch die Farbschichten. Diese kleinen, ungewollten Unebenheiten verstaerken die Lebendigkeit der Bildkompositionen.


K.H.

Anne Herbauts: Die Stunde des Herrn Blau, Sauerlaender Verlag bei Patmos, Duesseldorf 2003; 26 Seiten, 13,90 Euro

" Kennt ihr die leere Stunde? Die Stunde, in der es noch zu hell ist, Licht anzumachen. Die Stunde, in der es schon zu dunkel ist, um weiterzulesen, um weiterzunaehen. ..."

Lautlos naehert sich Herr Blau: ein stummer grosser Mann auf Stelzen, mit Fingerhut auf dem Kopf und einem leeren Buch in der Hand. Doch weder der ueberhebliche Sonnenkoenig noch die kuehle Koenigin der Nacht wollen mit Herrn Blau etwas zu tun haben. Sie zanken lieber miteinander und bemerken gar nicht, wie Herr Blau sich als Streitschlichter zwischen sie draengt und seinen Platz behauptet in der Uebergangsphase vom Tag zur Nacht. Nicht nur Herr Blau, der die Abenddaemmerung ausfuellt, bietet Raum fuer Traeume, Erinnerungen und Schweigen. Auch die Prinzessin der Morgendaemmerung auf der anderen Seite schaukelt luftig mit ihrem Haus an einer weissen Rose und bezaubert Herrn Blau mit ihrer Schoenheit. Poetisch und maerchenhaft leicht erzaehlt die belgische Illustratorin Anne Herbauts mit ihren filigranen Bilderwelten aus Blau-, Gruen- und Brauntoenen von der blauen Abend- und hellen Morgenstunde.

K.H.

Ulf Nilsson, Anna-Clara Tidholm: Adieu, Herr Muffin, Moritz Verlag, Frankfurt/Main, 2003; 40 Seiten, 12,80 Euro

Wo gehen Tier oder Mensch hin, wenn sie tot sind? Anna - Clara Tidholm hat sich mit diesen Thema schon in ihrem Bilderbuch " Die Reise nach Ugri-La-Brek" beschaeftigt. Der schwedische Autor Ulf Nilsson greift die Frage auf und erzaehlt die Geschichte vom Sterben auf unsentimentale Weise. Herr Muffin ist ein richtig alter Mann, der gemaechlich seinen taeglichen Gang zum Briefkasten vor dem Haus, in dem mal ein Stueckchen Gurke und mal eine Mandel liegen, brav absolviert. Post kommt eher selten und wenn, dann wird sie in tausend Stuecke zerfleddert, denn Herr Muffin kann nicht lesen. Er ist ein Meerschweinchenmann. Die Grenzen zwischen Mensch und Tier, Fantasie und Realitat sind in der Bilderbuchgeschichte fliessend und trotzdem werden die Normalitaet des Sterbens und die Rituale des Todes wirklichkeitsnah beschrieben und in Bildern dargestellt. So heisst es in dem angeknabberten Brief an Herrn Muffin: " Papa sagt, dass du vielleicht gestorben bist, wenn ich aus der Schule komme. Ich liebe dich so sehr." Der umsorgte Herr Muffin lebt am Ende seines schoenen Lebens in seinen Erinnerungen an seine Frau, sechs Kinder, ein kleines blaues Haus und wundervolle Zeiten. Alle trauern um das tote Meerschweinchen. Sogar im Fernsehen wird die Beerdigung uebertragen. Die Wichtigkeit, mit der Herr Muffin verabschiedet wird und das gesungene Lied der Kinder am Grab: "Hoch soll er leben, hoch soll er leben", befreit beim Vorlesen und nimmt etwas von der milden Traurigkeit der Geschichte, die so ehrlich ist.

K.H.

Franz Zauleck, Olga mit dem Gummipropeller, Verlag Jungbrunnen, Wien 2003: 32 Seiten , 15,20 Euro

Franz Zauleck - Berliner, Illustrator, Schriftsteller, Buehnenbildner und Hoerspielautor - geht in seinem skurillen, traumhaften Buch " Olga mit dem Gummipropeller" der Frage auf den Grund, wie es dazu kam, dass die Kuehe nicht nur schwarz, weiss, braun oder lila sind, sondern buntgescheckt. Als die Kuehe noch Kleider trugen, lebten sie in streng getrennten Welten. Olga, die kleine schwarze Kuh, kommt mit ihrem Anderssein nicht zurecht, denn alle Spielkameraden sind weiss. Als Trost schenkt die Mutter ihrem Kind einen einzigartigen Gummipropeller. Aber auch der weckt nur das Interesse einer Sachensammlerin, einer Fee. Ihr Angebot, Olga drei Wuensche im Austausch fuer den Propeller zu erfuellen, schickt die kleine Kuh auf eine Erkundungsreise. Zaulecks Federzeichnungen und Collagen mit visuellen Zeichen des Alltags, Comicelementen, Ausschnitte aus alten Zeichnungen, seltsam altmodischen Gegenstaenden und witzigen Einbindungen der Seitenzahlen wirken wie Malereien von Kinderhand und dann wieder ganz professionell. Die Konfrontation mit dem Anderssein an vielen Orten und einem aufklaerenden Gespraech mit der Fledermaus, die die Welt nun auch noch verkehrtherum betrachtet, verhilft Olga zu Einsichten. Ihr letzter Wunsch an die Fee resultiert aus dem Gelernten und wuerfelt alles wieder durcheinander.

Die Leichtigkeit, mit der Franz Zauleck das Thema Akzeptanz und Andersartigkeit behandelt, besticht in Wort und Bild. Ein Bilderbuch, dass auch dem erwachsenen Vorleser und Mitbetrachter viel Raum fuer Gedankenspiele laesst, denn: " Manchmal faellt ein Gummipropeller vom Himmel. ... Manchmal vielleicht, aber eigentlich doch sehr selten."

K.H.

Jutta Langreuter, Karsten Teich: Sei kein Gespenst, Olaf!, Sauerlaender Verlag bei Patmos, Duesseldorf 2003; 13,90 Euro

Nach dreihundert Jahren gespenstern ist der schon etwas schrullig gewordene Schlossgeist Olaf muede. Klaeglich enden seine Versuche, die Museumsbesucher in Angst und Schrecken zu versetzen. Mit Traenen in den Augen schaut er jammervoll in die Zukunft.

Dabei hat er so wundervolle Hobbys, die am Feierabend viel Freude machen. Olaf sammelt alte, bestickte Taschentuecher, Buecher und er hat eine Gluehwuermchenzucht. Das ist doch was? Doch es fehlt Olaf die Kraft zum Weitermachen. Bis ploetzlich ein piepsendes Geraeusch das kleine Schlossgespenst selbst in Angst versetzt. Lunis, die Fledermaus hat sich verflogen. Beide Nachtgestalten fuehlen nach den ersten Gespraechen eine innere, tiefe Verwandtschaft. Und, oh Wunder der Liebe, Olaf kann sogar das weiche Fell der Fledermaus spueren, wenn er sie beruehrt. Fledermaus Lunis hat die wunderbare Gabe im Gegensatz zu den Schlossmaeusen, die nur herumwuseln und unsinnige Vorschlaege machen, zuzuhoeren. Ganz warm ums Herz wird dem Betrachter, wenn er am Ende den kleinen Geist Olaf ueber beide Wangen laecheln sieht.

Jutta Langreuter, Verfasserin vieler Bilderbuchtexte, erzaehlt gefuehlvoll eine alte Geschichte neu. Karsten Teichs Pastelle zaubern eine gemuetliche wohlige Gespensterwelt mit rundem Lesesessel und spart nicht mit Anspielungen auf das wahre Leben. Und so ausgeleiert wie die Binsenweisheit auch klingen mag, bleibt sie doch wahr: Gemeinsam geht alles besser.

K.H.

Anthony Browne: Das Formenspiel, Lappan Verlag, Oldenburg, 2003; 12,90 Euro

Das Formenspiel ist ein Malspiel. " Der erste Mitspieler malt eine Form - irgendeine Form, sie soll nichts Bestimmtes darstellen, einfach eine Form. Der naechste Mitspieler muss die Form nun in etwas verwandeln. " Und das kann alles sein: ein Tier, ein Engel, ein Mensch, ein Musikinstrument oder ein Vogel. Anthony Browne spielt dieses Spiel, nach seinen eigenen Aussagen, schon ziemlich lang und damit unterstreicht er auch den autobiographischen Charakter dieser Geschichte.

Begonnen hatte alles als Anthony noch ein kleiner Junge war und zum Geburtstag der Mutter mit der Familie in die Tate-Gallery in London ging. Anfaenglich scheint die Kunst nur die Mutter in ihren Bann zu ziehen. Nach und nach entdecken Anthony, sein Bruder und sogar der witzereissende, unsichere Vater die Faszination der Bilder. Die Eltern und die Kinder erkennen sich in den Werken wieder, schluepfen in eine andere Zeit, an einen anderen Ort und stellen simple Verbindungen zwischen den Gemaelden und ihrem Alltagsleben her. Anthony Browne spielt respektlos mit den Kunstwerken und holt sie vom Olymp herunter, indem er deutlich macht, wie gegenwaertig ihre Bildsprache sein kann. Ehrfurchtslos spielt er mit Napoleon ein Kinderspiel, wie aus einem Raetselheft und setzt zwei angeblich gleiche Bilder des beruehmten Mannes auf hoher See gegenueber und nun soll der Betrachter die Unterschiede entdecken. Am Ende fuehlt sich Anthonys Familie im Museum nicht mehr fremd. Ein Anfang ist gemacht und auch die abstrakte Kunst wird nicht mehr lang ein Raetsel bleiben. Auf dem Hinweg zum Museum zeichnet Browne seine Familie noch ziemlich farblos in grauen Toenen. Die Bildersammlung verlassen alle vier jedoch in hellen, freundlichen Pastelltoenen.

K.H.

Alexander Sturgis, Lauren Child, Peters Engel und die Geheimsprache der Bilder, Gerstenberg Verlag, Hildesheim; 2003, 12,90 Euro

Um den Zugang und das Verstehen von Kunst dreht sich auch die Geschichte von Peter, dem Jungen, der zu gern Detektiv sein moechte. Ob ein Kunstmuseum der richtige Ort fuer seinen Forscherdrang ist, stellt sich heraus, als er den Erzengel Gabriel trifft. Im staendigen Zwiegespraech vertieft gehen Peter und der Bote Gottes auf Entdeckungsfahrt durch die klassische Malerei. Rembrandt, Lorrain, van Gogh, Goya, Picasso, Pollock und viele andere Maler und ihre Werke nehmen die beiden unter die Lupe. Da eilen sie von Bild zu Bild und ergruenden die Botschaften und Geschichten der Gemaelde. Leider ist das Kind zu schlau fuer all seine Weisheiten. Der Leser spuert die Absicht schnell und ist verstimmt. Alles was so leicht und spielerisch daherkommen soll, wirkt gequaelt. Auch wenn der Engel einen Versuch unternimmt mit dem Skateboard durchs Museum zu gleiten, in Schwung kommt diese kriminalistisch angelegte Kunstgeschichte fuer Kinder nicht.

K.H.


Martin Baltscheit / Tatjana Hauptmann: Die Pinabriefe, BajazzoVerlag, Zuerich, 2003; 12,90 Euro

Henriettas Lieblingspuppe Pina faellt beim Spielen durch die Gitterstaebe fuenf Stockwerke tief in den Hinterhof. Verzweifelt sucht die eigenwillige Puppenmutter, der wortkarge Hausmeister und die Frau von nebenan nach dem Lieblingsspielzeug. Doch Pina ist nur auf Reisen gegangen und schreibt munter Briefe aus der Ferne. Henrietta registriert beruhigt diese Wendung der Ereignisse und laesst sich die Zeilen von ihrer dicken Nachbarin vorlesen. Schnell kommt der Hoerer der Geschichte hinter das Geheimnis der Pinabriefe, die von keinem anderen als dem schweigsamen, oftmals sprachlosen Hausmeister mit erstaunlich dichterischer Gabe verfasst werden. Poetisch schoene Briefgeschichten als Trostpflaster fuer einen Verlust - keine neue Idee, aber immerwieder ein heilsames Mittel. Martin Baltscheit stattet seinen Hausmeister, eine Figur, die fast immer unsympathisch charakterisiert wird, mit einer sensiblen und einfuehlsamen Natur aus. Und wieder widmet er sich dem Thema Trennung, erinnert sei an sein Bilderbuch " Paul trennt sich ", denn Henriettas Papa ist ohne Abschied ausgezogen. Auch wenn die Geschichte um Henrietta und ihre Puppe Pina ganz unvorhergesehene Wendungen nimmt und sehr warmherzig erzaehlt wird, wirkt der Handlungsverlauf stellenweise konstruiert. Letztendlich fuehrt der Sturz der Puppe dazu, dass Henriettas Eltern wieder miteinander reden und das Maedchen findet einen Freund, mit dem sie gar nicht gerechnet hatte.

K.H.

Franz Fuehmann / Jacky Gleich: Von der Fee, die Feuer speien konnte, Hinstorff Verlag, Rostock 2003; 45 Seiten, 12,90 Euro

Anna Susanna Lachdochmal ist ohne Zweifel ein luftiger, duftiger, beschwingter Name fuer eine gute Fee. Fuehmanns Spass an Sprachspielen ( " Linsen grinsen "), Nonsens, Alliterationen, Assonanzen und Vokalharmonie durchdringt auch dieses Maerchen auf Bestellung. Franz Fuehmann hatte sich zeitlebens den Maerchen und Mythen verschrieben und nie einen Roman verfasst. Seine Kinderbuecher sind sogenannte " Auftragswerke ", eingeklagt von der Tochter oder dem Enkelkind, dass etwas ueber eine feuerspeiende Fee hoeren wollte.

Die sorglose Fee Anna Susanna Lachdochmal hat sich ein eigenes kleines Reich mit ihren Tieren voller Sonnenschein geschaffen. Doch die Zeiten der unbeschwert froehlichen Lebensart hat ein Ende als der eisige Winterkoenig auf Anna Susanna Lachdochmals weltfremdes, regelloses Refugium aufmerksam wird. Soweit kommt es noch, dass jemand einfach aus der Reihe tanzt und das tut, wozu er Lust hat. Nun haben die frierenden und hungernden Tiere ihre Not, denn niemand hatte Wintervorbereitungen getroffen. Nur die Fee Anna Susanna Lachdochmal, offenbar ein Feenwesen ohne Zauberkraefte, hat ihren Optimismus nicht verloren. Sie begibt sich in die Schule der gefaehrlichen Drachen, um das Feuerspeien von ihnen zu erlernen. Russverschmiert und klaeglich Feuer hustend kehrt sie zurueck. Das Feuerspeien lernt niemand einfach so in drei Tagen. Der Schneewald jedenfalls bleibt kalt und starr. " Heulen nutzt gar nichts. Tu lieber was!", raet ihr die Eule und Anna Susanna Lachdochmal muss etwas einfallen. Jacky Gleich hat die kleine, sorglose Fee wie einen verschmitzten Jungen portraetiert und mit ihren expressiven Zeichnungen die Gegenwart in die Geschichte geholt.

Wer ein weiteres Maerchen auf Bestellung von Franz Fuehmann kennenlernen moechte, kann sich " Anna genannt Humpelhexe " , ebenfall mit imposanten Bildern von Jacky Gleich, anschauen oder anhoeren. Franz Fuehmann, die Hoer-CD ist beim Hinstorff Verlag Rostock, 2002 erschienen, liest lebhaft und aufgeraeumt dieses wunderbare Maerchen ueber ein selbstbewusstes Maedchen, dass seine Schwaechen in Staerken zu verwandeln versteht.

Fuer Franz Fuehmann war das Schreiben fuer Kinder " einfach eine Freude und Wohltat " und das Vorlesen hoerbar auch..

K.H.

Madonna: Die Englischen Rosen, Carl Hanser Verlag, Muenchen 2003; 46 Seiten, 12,90 Euro

Einfach lieblich taenzeln die Englischen Rosen, eine Gruppe von vier Maedchen, eng aneinandergeschmiegt unter einem Schirm dem Leser auf dem Cover entgegen. Eine hochnaesige Maus charakterisiert die vier engstirnigen Kinder. Einsam daneben steht Binah, unschuldig wie Aschenputtel von zwei Voegelchen umringt. Was hat ein Weltstar der Musikszene jugendlichen Lesern zu erzaehlen? Natuerlich dreht sich die Story um die vier Modepueppchen, die alles zusammen machen und auf ein schoenes Maedchen aus der Klasse neidisch sind. Eine unfoermige Fee sendet den Englischen Rosen einen Traum, den alle vier synchron erleben, der zeigt, wie schrecklich das Leben der so vollkommenen Binah, die allein mit dem Vater den Haushalt daheim bewaeltigen muss, ist. Maenner sind ja auch heute nicht in der Lage, die Waschmaschine oder den Geschirrspueler in Gang zu bekommen. Ausserdem muss man beim Schruppen des Bodens unbedingt auf den Knien rutschen. Auch wenn Madonna auf herausfordernde Art, wie in ihrer Musik, den Versuch unternimmt den Leser anzusprechen, in die Geschichte hineinzuziehen, springt kein Funke ueber. Wie soll der Leser diese duenne Geschichte ohne erkennbare Struktur mit ihren kitschig - bunten kongenial zur Erzaehlung passenden Illustrationen lesen: als Parabel, Maerchen, Parodie oder reale Geschichte mit autobiographischen Zuegen? Fraglich, ob die vier folgenden Buecher ueber die Englischen Rosen eine Antwort geben und ob sich der Leser des ersten Bandes einen zweiten antut.

K.H.

Kirsten Boie: Monis Jahr, Oetinger Verlag Hamburg, 2003; 256 Seiten, 12 Euro

1955 ist Monis Jahr. Monika Schleier, 10 Jahre alt, ist ein schuechternes, nachdenkliches aber aufgewecktes Kind. Sie lebt mit der Oma, die im Krankenhaus putzen geht und der berufstaetigen Mutter in einer kleinen Wohnung in Hamburg. Ihr Vater ist im Krieg geblieben. Nur die Oma hofft noch auf seine Rueckkehr. Im Leben von Monis Mutter bahnen sich Veraenderungen an. Doch aus Ruecksicht und Angst vor Konflikten im Frauenhaushalt schweigt sie. Auch wenn Moni, die Hauptfigur der Geschichte ist, nimmt die sehr authentisch wirkende strenge Oma einen bedeutenden Platz in der Handlung ein. In ihrem unpolitischen Weltbild existieren keine Zweifel. Unbeirrt spricht sie ihr Dithmarscher Platt und lebt nach ihren kleinbuergerlichen Grundsaetzen. Moni wechselt nach bestandener Pruefung als erste aus ihrer Familie zur Oberschule und macht dort ihre Erfahrungen. Kirsten Boie entwirft gekonnt aus dem Blickwinkel des Kindes ein gelungenes Gesellschaftspanorama der 50er Jahre und hat mit ihren literarischen Protagonisten sehr lebendige Figuren geschaffen. Sie konfrontiert den Leser mit politischen Ereignissen der Nachkriegszeit, dem staedtischen Leben und bei aller Verdraengung, den spuerbaren Auswirkungen des Krieges. Da ist die Familie von Harald, die als Fluechtlinge aus dem Osten nach Australien auswandern werden. Hilli, die Freundin von Moni, deren Vater als Kommunist im Lager sass und an den Folgen der Inhaftierung gestorben ist. Im Gegenpart dazu wird die ernsthafte Moni, die in einem kargen Haushalt lebt, in dem immer gespart wird, von Heike ueberwaeltigt, einem unbeschwerten wohlhabenden Maedchen, dass seinen Launen nachgehen kann.

Moni hat viel Stoff zum Nachdenken: ueber Freundschaft, Abschied und vielleicht einem Familienleben mit einem neuen Vater. Ein lesenswertes Buch ueber die Nachkriegszeit in Westdeutschland.

K.H.


Herbie Brennan: Das Elfenportal, dtv premium, Muenchen 2003; 356 Seiten, 14 Euro

Das Elfenportal trennt das Reich der Licht- und Nachtelfen von dem der Menschen. Eine Invasion der Elfen ist jedoch auf Erden nicht zu erwarten, denn das Betreten des Tores ist nur den Lichtelfen der koeniglichen Familie gestattet. Der junge Kronprinz Pyrgus Malvae muss nun ins Exil via Elfenportal, denn nur eine Flucht vor dem Zorn des einflussreichen adligen Nachtelfen Lord Hairstreack kann ihn retten. Die unberechenbaren, intriganten Nachtelfen schmieden einen Komplott, bei dem sie mit Hilfe der Daemonen, die Macht des Landes an sich reissen wollen und nur auf eine Gelegenheit warten, um den Purpurkaiser Apatura und Pyrgus zu toeten. Doch seine koenigliche Hoheit landet durch Sabotage nicht auf einer pazifischen, unbewohnten Insel, sondern bei Mr Fogarty, einem technisch versierten aber auch schrulligen alten Mann. Ihm zur Seite steht Henry Atherton, der ihm ein bisschen zur Hand gehen soll. Und schon hat die Geschichte ihre zwei jugendlichen Helden, die das Koenigreich der Lichtelfen retten muessen: Pyrgus Malvae, Thronfolger des Purpurkaisers im Elfenland und Henry Atherton, Sohn einer englischen Familie, die sich mit allzumenschlichen Problemen herumschlagen muss, denn Henrys Mutter hat sich gerade in die Sekretaerin ihres Mannes verliebt. Im Reich der Elfen, die aeusserlich den Menschen in nichts nachstehen, ist dies sicher noch kein Thema, denn gesellschaftlich leben die Elfen um Jahrhunderte zeitversetzt in einem rechtsdemokratischen System fruehkapitalistischer Praegung. Sie sind keine lieblichen kleinen fliegenden Wesen, die so huebsch wie Schmetterlinge sind. Diese Verkleidung nehmen sie nur an, wenn ein Zauber ueber sie ausgesprochen wird. Ausserdem neigen die Elfen zur Handhabung sehr praktischer Zauberideen. So verhaengen sie einen Stillezauber, wenn sie ungehoert sprechen wollen oder sparen Schloesser oder Einbruchsicherungen, indem sie Trugbilder zaubern, um Einbrecher und Diebe abzuschrecken. Herbie Brennan bedient sich bei seinem spannend erzaehlten Fantasyroman bei allen seinen bekannten Vorgaengern und spart nicht mit Anleihen, dem ueblichen Personenreigen und genretypischem: das Gute kaempft gegen das Boese, Verrat, Machtgier mischen mit, aber auch die Kraft der Freundschaft wird beschworen, Zauber- und Menschenwelt bestaunen und durchdringen einander. Brennans Fabulierkunst greift Bekanntes auf und mixt den fantastischen Abenteuerplot mit einer ungewoehnlichen Problemgeschichte. Allerdings werden Henrys private Schwierigkeiten durch Pyrus ploetzliches Erscheinen in den Hintergrund gedraengt, Wichtigeres steht auf dem Spiel. Mit Mr. Fogarty hat der Autor eine originelle Nebenfigur geschaffen, die auf komische Weise mit ihrer beruflichen Vergangenheit als Physiker und Bankraeuber brilliert. Ein lesenswerter Roman bis zur letzten Seite nicht nur fuer Fantasyliebhaber!

K.H.

Cornelia Funke: Tintenherz, Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 2003; 557 Seiten, 19.90 Euro


Wie Goethes Zauberlehrling ergeht es Mortimer Folchart: Seine Geistern, die er rief, wird er nicht mehr los und eines Tages stehen sie unerwartet vor der Tuer. Doch Mo, so nennt ihn seine 13-jaehrige Tochter, hat keine Sprueche vergessen, sondern einfach nur vor neun Jahren aus einem Buch mit dem geheimnisvollen Titel "Tintenherz" vorgelesen. Durch die Kraft der Sprache und Mo's Kunst des Vorlesens hat seine Zauberzunge die literarischen Figuren lebendig werden lassen und andere, so auch Meggys Mutter sind verschwunden. Von all dem hatte Meggy keine Ahnung und so weiss sie auch nicht, wer der eigenartige, narbenuebersaete Staubfinger ist, der aus dem Nichts auftaucht und Mo vor dem grausigen Capricorn, dessen Herz so schwarz wie Tinte ist, warnt. Offenbar sind die schwierigen und boesen Charaktere die schillerndsten, denn Capricorn hat gleich seine Banditenkumpane Flachnase, Staubfinger mit gehoerntem Marder Gwin und Basta in die wahre Welt mitgenommen. Die Schurken um Capricorn haben sich in eine entlegene Berggegend zurueckgezogen und denken nicht daran, in die Literatur wieder zurueckzukehren. Alle " Tintenherz" - Ausgaben muessen aus diesem Grund verschwinden, damit Mo die Fantasygestalten nie mehr weglesen kann. Ein Wettlauf um die letzte Ausgabe beginnt und eine abenteuerliche Fahrt durch die Kinderbuch-Klassiker, aus denen Cornelia Funke am Beginn der Kapitel zitiert oder sie geschickt in die Handlung einfliessen laesst. Da liest Mo aus dem Roman " Die Schatzinsel " und es klimpert Gold auf den Boden und Tinka Bell aus " Peter Pan " flirrt durch die Handlung. Cornelia Funke hat atemberaubend spannend ueber eine ihrer Leidenschaften geschrieben: das Lesen. Sicher springt der Funke bei dieser Liebeserklaerung fuer Buecher bei lesebegierigen Kindern ueber.

K.H.

Roderick Townley: Die wunderbare Welt der Sylvie, Fischer Schatzinsel, Frankfurt / Main 2003; 11,90 Euro

Auch der amerikanische Kinderbuchautor Roderick Townley macht ein Buch zu seinem Hauptdarsteller. Die wunderbare Welt der Sylvie ist die eines Maerchenbuches, in der die mutige Prinzessin zu Hause ist. Ab und zu muss sie von Seite zu Seite hetzen, wenn der Leser mal die Seiten ueberblaettert. Schlaegt der Besitzer das Buch zu, geht die Notbeleuchtung an und das Leben im Buch weiter. Ein aussergewoehnliches Leben, keine Frage, wenn nicht gerade Leser Ricky dicke Marmeladenkleckse auf die Seiten platschen laesst. Buecher stauben ein, wenn sie liegengelassen werden und die Menschen, die die Buecher lesen, altern. Doch Koenige, Kammerzofen, Diebe, alle Maerchenfiguren muessen keine Angst vorm Altern haben, nur vor dem Vergessen werden und davor, dass ihre Buecher so wie in Sylvies Fall verbrannt werden. Doch laengst hat Sylvie die Grenzen des poetischen Raumes uebersprungen. Sie landet im Traum ihrer Leserin und begegnet dort dem Maedchen mit den dunkelblauen Augen, der allerersten Leserin des Maerchenbuches. Auch Maerchenfiguren kaempfen um die Unsterblichkeit und das mit allen Mitteln. Doch Sylvie hat nicht mit dem humorlosen Narren des Maerchens gerechnet. Er hat ihren Vater vom Thron gestuerzt und nun will er sie heiraten.

Die Geschichte vom Buch im Buch erfreut sich immer neuer Erzaehlvarianten. Roderick Townley hat seinen Figuren Fleisch und Verstand gegeben und wandelt traumsicher zwischen Wirklichkeit und Fiktion.

K.H.


Jenny Nimmo: Charlie Bone und das Geheimnis der sprechenden Bilder, Ravensburger Verlag 2003, 360 Seiten, 13,95 Euro

Ein Roman, der dem Leser am Beginn eroeffnet, dass ein Junge an seinem 11. Geburtstag eine ungewoehnliche Gabe entdeckt, existiert schon. Jenny Nimmos Geschichte greift frech diese Idee auf und stellt statt Harry Charlie in den Mittelpunkt, der beim Anschauen von Fotos, Stimmen hoeren kann. Allerdings ist Charlie nur Halbwaise und an seiner Seite sind eine freundliche Mutter und Grossmutter zu finden. Dafuer ist der Familienteil auf der vaeterlichen Seite abscheulich. Charlie muss nun dank seiner Faehigkeiten und dem Erbgut des Vaters, der angeblich tot ist, auf die ungeliebte Bloor-Akademie gehen, bunte Umhaenge tragen und mit Kindern zusammensein, die Tierstimmen hoeren koennen oder das Fliegen beherrschen. Nachdem der Held des Buches nun nicht mehr in seinem Frauenhaushalt lebt, beginnt fuer ihn ein rasantes Leben voller unerklaerlicher Ereignisse. Die Geschichte vom Roten Koenig geistert durch die zuegige Handlung, ein Mr Onimous und seine drei flammenden Katzen und ein seltsam herzloser Austausch eines Babys, an dem der Erfinder Dr. Tolly schuld ist und auch noch sterben muss. Doch vor lauter verzwickter Erzaehlebenen, die oftmals in vergangenen Zeiten spielen, verheddert sich die gegenwaertige Geschichte in der Unmenge der sich ueberschlagenden Abenteuer. Wie aus dem Nichts tauchen Personen ohne Konturen auf. Das unselige Familienerbe laesst Charlie nicht zur Ruhe kommen und natuerlich meistert er alle Gefahren, die beim Ruinenspiel auf ihn lauern. Zwei Romane sollen diesem Charlie Bone - Band folgen. An Andeutungen fehlt es dem ersten Band nicht, um die Spannung auf den naechsten anzuheizen, doch benoetigt die Kinderbuchwelt, trotz schoener Werbekampagne des Verlages, wirklich noch einen Harry..., pardon Charlie Bone?


K.H.

Rachel van Kooij: Kein Hundeleben fuer Bartolome, Jungbrunnen Verlag, Wien 2003;

175 Seiten, 14,40 Euro

Der zehnjaehrige Bartolome sitzt einsam auf den Stufen der Kirche. Niemand spielt mit ihm, dem Krueppel, der Missgeburt, dem Zwergenkind. Sehr drastisch und schonungslos erzaehlt Rachel van Kooij aus der Sicht des behinderten Kindes im Spanien des 17. Jahrhunderts, einer Zeit des Aufbruchs und des Aberglaubens. Schnell verbuendet sich der Leser mit dem vernachlaessigten Bartolome, der in seinem Denken so erwachsen wirkt und nie Kind sein durfte. Vater Juan, er hat sich am spanischen Hof zum Kutscher der Infantin Margarita hochgearbeitet, zieht mit seiner Familie nach Madrid. Bartolome darf nur unter der Bedingung mitreisen, dass er sich in der Stadt keiner Menschenseele zeigt. Gefangen in der Wohnung der eigenen Familie daemmert er vor sich hin. Nur der grosse Bruder Joaquin denkt sich Ungeheuerliches fuer Bartolome aus: Er soll schreiben und lesen lernen. Bartolome beginnt wieder zu leben, denn nichts moechte er mehr als die Achtung des Vaters erringen. Vater Juan schaemt sich fuer seinen Sohn mit dem " grossen Buckel, der den kleinen Oberkoerper nach vorn drueckt, die krummen Beine, die sogar noch zu schwach schienen, um die zwergenhafte Gestalt zu tragen, die Klumpfuesse". Am besten vorwaerts bewegen kann sich Bartolome auf allen Vieren. Durch einen Zufall, Bartolome faellt aus dem Bottich, in dem ihn die Geschwister heimlich zu seinem Lehrer gebracht haben, sieht die fuenfjaehrige Prinzessin Margarita Bartolome, der sich bei einem Zusammenstoss mit der Kutsche des Vaters wie ein Hund in einen dunklen Winkel verkriecht. Ihn will sie haben, den vermeintlichen Menschenhund, den sie gesehen hat, mit ihm will sie spielen. Eine Zeit ungeheuerlicher Demuetigungen, verbunden mit der endgueltigen Trennung von der Familie, Quaelereien durch andere missguenstige verkrueppelte Lieblinge der kleinen Prinzessin, soll fuer Bartolome beginnen.Wie ein Gemaelde von Velazquez, der ebenfalls eine Rolle in dem einfuehlsamen historischen Roman spielt, stellt sich das Leben am Hofe dar. Atmosphaerisch dicht beschreibt die Autorin die Lebensumstaende der Prinzessin und die Qualen Bartolomes, dem eine laestige, unmenschliche Clownsrolle aufgezwungen wird. Bartolome, der alle Faehigkeiten besitzt wie andere Menschen auch, versucht seine Wuerde zu bewahren und findet Verbuendete, die ihm am troestlichen Ende der Geschichte hilfreich zur Seite stehen.

K.H.

Karla Schneider: Glueckskind, Carl Hanser Verlag, Muenchen 2003, 196 Seiten, 13,90 Euro

"In den alten Zeiten, wo das Wuenschen noch geholfen hat, lebte ein Koenig....."

Karla Schneider hat mit " Glueckskind" zwar eine maerchenhafte, aber doch gegenwaertige Geschichte ueber das Wuenschen und die Suche nach dem Glueck geschrieben. Suse Sperling, ein eher unauffaelliges Maedchen, hat nicht nur einen, nicht sagenhafte drei, sondern alle Wuensche frei. Auf dem kleinen Zettel eines Knallbonbons steht fuer sie geschrieben: Ich werde dir alle Wuensche erfuellen. Diese Worte ueberreicht ihr Frau Fortuna, eine seltsame Gluecksfee. Doch Suse ist irgendwie zu dumm, ihre Wuensche Wahrheit werden zu lassen. Immer laeuft sie dem falschen Glueck hinterher, wie der Kohlenmunk-Peter, der sich nicht richtig ueberlegt, was er sich wirklich wuenschen soll. So vergibt Suse ihre Gelegenheit zum Gluecklichsein und wird es erst, als sie das Wuenschen aufgibt. Und auch dann ist das Glueck nur von kurzer Dauer. Suse lernt, nachdem ihre Freundin Yvonne ihr die kalte Schulter zeigt, Felix kennen. Felix, den Gluecklichen, der an ein strenges Institut fuer Hyperbegabte geht. Felix mit dem gelben sonnigen Haar wie Kuekenflaum entgehen durch seine exklusive Schulbildung, diese betont nur die Ratio und unterdrueckt die sinnliche, kreative Seite des Lebens, die wunderbaren Filme und Buecher, die jedes Kind gelesen und gesehen haben muss. Auch ohne Wunschzettel freunden sich Suse und Felix an. Suse emanzipiert sich von der vereinnamenden Yvonne und findet zu sich selbst. Dass Felix' Mutter auch noch Frau Fortuna ist und am Ende alles in illusionistischen Bildern durch einen japanischen Professor aufgeht, ist fuer Kinder sicher ein schwer vorstellbares Happy End, zumal Felix aus dem Leben Suses wieder verschwinden wird. Und doch ist " Glueckskind " eine wundervolle, allegorische Geschichte ueber das Glueck in allen seinen Facetten.

K.H.


Kersti Wold: Fussballgoetter fallen nicht vom Himmel, Carlsen Verlag, Hamburg 2003, 200 Seiten, 12,50 Euro

Bernhard Berg Jensen wohnt in Oslo und nennt sich selbst Exakt, weil sein Vorname zu sehr an einen Hund erinnert. Er ist 10 Jahre alt und trotz zahlreicher Vitamine aus den USA nicht groesser als einsdreiunddreissig. Aber das waere ja nicht mal das Schlimmste, wenn er nicht auch noch in der Klasse eine Aussenseiterposition einnehmen wuerde. Zwar stehen Exakts vielbeschaeftigte Eltern auf seiner Seite, aber mit ihnen moechte der Junge auf keinen Fall seine Probleme besprechen. Schon gar nicht nachdem bei einer Geburtstagsfeier Exakts Mutter vor allen Kindern aus seiner Klasse preisgegeben hat, dass es gar nicht so schlimm ist, mit einer Gummiunterlage zu schlafen, denn Arnold Schwarzenegger war auch Bettnaesser.

Ab diesem Tag steht Exakt im Abseits und Patrick the Hattrick, der tollste Junge in der Klasse, hat sich ihn zum Lieblingsfeind erwaehlt, um ihn wie einen Hund zu treten bis zu dem Tag, an dem Exakt zubeissen wird. Aber bis dahin geschieht in Bernhards Leben so einiges. Er lernt seinen Retter, einen zwei Meter grossen jungen Mann, kennen. Zweimeter, ein verkrachter Student, ist auf Jobsuche und wird Jungensitter bei Exakt. Aus dieser Zufallsbekanntschaft wird eine echte Maennerfreundschaft, denn Zweimeter gibt Exakt wieder das Selbstvertrauen beim Fussballspielen, dass der Junge bereits verloren hatte. Der Junge verhilft im Gegenzug dem verlassenen Zweimeter zu neuem Liebesglueck.

Kjersti Wold erzaehlt aus der Sicht des Jungen mit viel Leichtigkeit, Lakonie, Humor und Beobachtungsgabe. Auch wenn Frau Stoht, dessen sauertoepfischen Hund Exakt ausfuehren darf, an Wunder glaubt, in der Geschichte geschehen keine. Patrick wird kein Freund von Exakt, Exakt ist nicht das ueberfliegende Fussballtalent und Zweimeter hat seine Schwaechen und Fehler wie andere Menschen auch. Diese gute Mischung aus realen Problemen und der humorvollen Sicht auf die wichtigen Dinge des Lebens macht das Buch zu einem kurzweiligen Lesespass.

K.H.

Per Olov Enquist: Grossvater und die Woelfe, Carl Hanser Verlag, Muenchen 2003; 120 Seiten, 11.90 Euro

Er ist ein Meister des literarischen Erzaehlens, der 69-jaehrige, schwedische Autor Per Olov Enquist. Mit " Grossvater und die Woelfe" liegt nun sein erstes Kinderbuch vor. Der lebensfrohe, skurille Grossvater, der Pupsgeschichten am Tisch erzaehlt und dafuer in der Toilette eingesperrt wird, ist offenbar der Autor selbst, denn er hat keine richtige Arbeit, er schreibt nur Buecher. Auf jeden Fall hat er ein offenes, geduldiges Ohr und Zeit fuer seine vier Enkel. Als die kleine Mina behauptet, dass ein richtiges Krokodil in ihren Po gebissen hat, schmiedet der Grossvater einen Plan, denn im Plaene schmieden auch wenn die Lage noch so katastrophal erscheint, ist Grossvater der Beste. Die Kinder Mina, Ia, Markus, Moa und Hundin Mischa sollen alle gemeinsam mit dem Grossvater eine Expedition zum Dreihoehlenberg unternehmen. Gunilla, Grossvaters vernuenftige sehr feministisch angehauchte bessere Haelfte ist von dieser Idee nicht begeistert, denn ganz ungefaehrlich ist dieses Vorhaben in den Waeldern nicht. Der Aufbruch zum Berg verzoegert sich, da die Kinder mit dem Grossvater Mischas Zeichen folgen und ein Wolfsjunges finden, dessen Vater von Wilderern getoetet wurde. Ein erstes Vorzeichen fuer nahendes Unglueck. Gut aufgepaeppelt findet das Junge zur besorgten Wolfsmutter zurueck. Auch wenn der Abschied von dem kleinen Wolf den Kindern schwer faellt, ist es jetzt endlich Zeit fuer den Aufbruch der Hoehlenforscher. Niemand ahnt, wie schnell sie die Woelfe wiedersehen werden.

Auch wenn alles einen unbeschwerten und schwungvollen Anfang nimmt, endet die Geschichte in einer mittleren Katastrophe. Aber das ist das Vorrecht der Grossvaeter: mit den Enkeln Abenteuer erleben, ohne Netz und doppelten Boden. Nun muss man nicht gleich immer leibhaftige Baeren in freier Natur begegnen oder mit Woelfen die Hoehle teilen. Einfach miteinander etwas erleben, wuerde schon ausreichen. Kinder werden diese Geschichte lieben, denn nichts ist schoener als ein Abenteuer mit dem Opa, auch wenn er ein ausgemachter Egoist ist!

K.H.

Carl Hiaasen: Eulen, Beltz & Gelberg Verlag, Weinheim 2003; 360 Seiten, 14,90 Euro

Roy Eberhardt sieht ihn vom Schulbus aus. Er laeuft ohne Schuhe schnell wie ein Wiesel. Doch wer ist dieser Junge? An welche Schule geht er? Fischfinger nennt ihn seine Stiefschwester Beatrice, ein starkes Maedchen, dass sogar Fahrradreifen durchbeissen kann. Fischfinger steckt auch hinter den massiven Attacken, die auf ein bewachtes Grundstueck der Pfannkuchenkette " Mama Paula" veruebt werden. Die Abgrenzungen werden zerstoert, Alligatoren und Schlangen ausgesetzt und sogar die Fahrersitze aus den Bulldozern, die am kommenden Tag das Gelaende bearbeiten sollten, verschwinden auf geheimnisvolle Weise. Der ehrgeizige, uebereifrige Officer Delinko, der gern mal im Dienst einschlaeft, steht vor Raetseln. Der Leser ist schneller im Bilde: Es geht um Rettung der kleinen Eulen, Kanincheneulen, die auf dem Grundstueck brueten und unter Artenschutz stehen. Sie wohnen in Erdloechern, die von Schildkroeten oder Guerteltieren gegraben wurden. Werden sie auch von ihrem Zuhause, ihren Familien vertrieben, wie es Napoleon, so der wahre Name von Fischfinger, selbst erlebt hat? Die Pfannkuchenkette will um jeden Preis eine neue Filiale in Florida eroeffnen. Just da, wo die Eulen brueten. Das dieser Bau verhindert werden muss, kapiert Roy sehr schnell und nicht lang und er ist an Fischfingers Seite, obwohl er den Jungen nie richtig verstehen wird. Allerdings hat er auch noch das Ekelpaket Dana am Hals, der Dicke hat nichts besseres zu tun als Roy zu tyrannisieren. Mit viel Witz und einem temporeichen Plot erzaehlt Carl Hiaasen routiniert eine gut erfundene Geschichte. Wie Per Olov Enquist hat auch Carl Hiassen sein erstes Buch fuer Kinder geschrieben und das erfolgreich.

K.H.

Celia Rees: Piraten!, Bloomsbury Kinder- und Jugendbuecher, Berlin 2003; 320 Seiten, 14,90 Euro

Mit Celia Rees Buechern, ob "Hexenkind" , "Das goldene Labyrinth " oder jetzt neu "Piraten!" ist jedes verregnete Wochenende gerettet, denn eins kann die englische Autorin auf jeden Fall: sehr spannend erzaehlen. In ihrem neuen Buch greift sie wieder auf einen historischen Stoff zurueck. Mit ihren Heldinnen Nancy Kington, Tochter einer reichen, englischen Kaufmannsfamilie und Minerva Sharpe, einer Skalvin aus Jamaika, reist sie in die abenteuerliche, aber auch grausame Welt der Piraterie und des Sklavenhandels. Im Jahre 1724 beginnt Nancy Kington waehrend einer Schiffsreise ihre Erinnerungen fuer einen gewissen Daniel Defoe, Verfasser des ersten Romanes " Robinson Crusoe" und Sammler von Piratengeschichten, aufzuschreiben. Dabei muss sie ueber ihre Erlebnisse der letzten zwei Jahre kein Seemannsgarn spinnen, denn Piratinnen wie sie hatten im 18. Jahrhundert ihren Platz auf den schnellen Schiffen mit den schwarzen Fahnen. Und sie waren nicht rechtlos, denn die Freibeuter hatten und das ist historisch belegt, das demokratischste System ihrer Zeit, Mitspracherecht und Wahlfreiheit.

Nancy Kington jedoch wurde ein Leben auf See nicht in den Wiege gelegt. Als Tochter des Bristoler Kaufmanns mit Zuckerplantagen in Jamaika hatte die Familie voellig andere Plaene mit dem Maedchen. In einem Maennerhaushalt, Nancys Mutter starb bei der Geburt, waechst Nancy frei und ungebunden auf. Erst die zweite Frau des Vaters sorgt fuer eine weibliche Erziehung und unterbindet alle zuegellosen Ausfluege in den Hafen und zu William, ihrer grossen Liebe seit Kindertagen. Ein unheilvoller Sturm beendet das sorgenfreie Leben der Kingtons. Er zerstoert zahlreiche Schiffe nebst Ladungen und schluckt das Vermoegen der Familie. Nach dem fruehzeitigen Tod des Vaters reist Nancy mit ihren Bruedern nach Jamaika. Dort versuchen sie ihre Schwester, wie eine Ware an den wohlhabenden, durch eine dubiose Vergangenheit beruechtigten Brasilianer Bartholome zu verhoeckern. Auf den Plantagen schliesst Nancy Freundschaft mit der fast gleichaltrigen Skalvin Minerva, die und das wird sich im Laufe der Handlung herausstellen, ihre Halbschwester ist. An einem verhaengnisvollen Abend toetet Nancy den grausigen Sklavenaufseher, der Minerva und ihre Mutter quaelt, in Notwehr. Minerva und Nancy fliehen und heuern auf ihrem ersten Piratenschiff an. Alle Versatzstuecke einer spannenden Handlung reiht Celia Rees angereichert mit historischen Fakten aneinander. Mit hohem Tempo bahnen sich Konflikte an und werden atemberaubend schnell wieder geloest. Beim Lesen scheint man die Winde auf dem Meer zu fuehlen, die Rufe der Seeleute zu hoeren, und die atemlose Stille vor jedem Entern zu spueren. Eine Kette von Aktivitaeten spult sich vor dem inneren Auge des Lesers ab und laesst keinen Blick in das Innenleben Nancys zu. Minervas Position ist da schon klarer definiert, denn ihre Empfindungen als Skalvin und dann Freie werden intensiver beleuchtet. Mag die Geschichte auf Abenteuer und Spannung angelegt sein, so waere trotz Mut und innerer Freiheit, die die Frauen in ihrem Freibeuterleben gewonnen haben, ein Blick in die inneren Prozesse der Figuren interessanter gewesen als jeder neue Sprung ins wilde Abenteuer.

K.H.

Luis Sachar: Bradley - letzte Reihe, letzter Platz, Carl Hanser Verlag, Muenchen 2003; 192 Seiten, 14,90 Euro

" Aber wie hoert ein Monster auf, ein Monster zu sein?", fragte er. " Ich meine, wenn alle nur ein Monster sehen und ihn dauernd wie ein Monster behandeln, wie hoert er auf, ein Monster zu sein?" " Das ist nicht einfach. ", sagte Carla. " Ich glaube, zunaechst mal muss er selber erkennen, dass er kein Monster ist. Das ist wohl der erste Schritt. Wenn er selber noch nicht weiss, dass er kein Monster ist, wie soll er dann jemand anderes das wissen?"

Bradley ist das Monster, ein Versager, ein Luegner und ein Feigling. Alle fuerchten sich vor ihm und duerfen ihn doch gleichzeitig verachten. Sogar die Lehrerin macht vor der Klasse keinen Hehl daraus, dass er ein hoffnungsloser Fall ist. In dieser neuen Geschichte versucht sich Luis Sachar, sein grosser Erfolg war der Kinderroman "Loecher", an einer Charakterstudie. Bradley ist ein einsames Kind, er vertraut seinen Gefuehlen nicht mehr und irgendwie ist er dabei sich selbst aufzugegeben. Nur in der Verneinung, Ablehnung und Aggression spuert er sich und kann im Hass auf alles weitermachen. Seine Eltern sind ihm keine Stuetze, denn in einer Mischung aus muetterlicher Inkonsequenz und Gleichgueltigkeit und einer vaeterlichen Strenge bieten sie dem Jungen keinen Halt. Erst die junge Schulpsychologin Carla, die durch die Muehlen des Schulbetriebes noch nicht zerrieben wurde, ist interessiert an Bradleys Problemen und akzeptiert sein Rollenspiel. Immer auf der Hut vor ihren Fangfragen, redet er ueber allen Kummer, Unsicherheiten und Schmerz, den er sonst nur seinen Spieltieren im verschlossenen Kinderzimmer anvertraut. Nach und nach legt Carla mit ihrer Methode auf die Fantasiegeschichten des Jungen einzugehen die geschauspielerten Schichten frei und am Ende steht ein neuer sympathischer, weil Schwaechen zugebender Bradley vor ihr. Der Junge wird im Klassenverband integriert, ein Maedchen laedt ihn zum Geburtstag ein und endlich leuchtet ein Goldsternchen auch hinter Bradleys Namen. Die Wandlung vom Fiesling zum freundlich unbeholfenen Mitschueler, den alle moegen, wuerde man Bradley gern abnehmen, zumal er in der schrecklichen Angst lebt, alles koenne wieder wie frueher werden und doch erscheint das moralisch korrekte Happy End irgendwie schal und realitaetsfern, wie ein frommer Wunsch oder eine Maerchengeschichte. Mit gutem Willen kann man das Buch so lesen.

K.H.