REVIEWER
Dr. Sigrun Muehl-Benninghaus is an academic archivist and historian, who as Head of Department at the German State Archive was responsible for cataloguing and making available for public use a secret archive of Nazi documentation which was rediscovered in East Germany during the 1980's having been presumed destroyed at the end of WW2.
| BOOK REVIEW
Carl Zuckmayer: Geheimreport. Hrsg. von Gunther Nickel und Johanna Schrön, Wallstein Verlag, Göttingen 2002, 526 S. (Zuckmayer-Schriften, im Auftrag der Carl-Zuckmayer-Gesellschaft hrsg. von Gunther Nickel, Erwin Rotermund und Hans Wagener) Der Dramatiker Zuckmayer (1896 - 1977) verfasste den Geheimreport 1943/44 für den amerikanischen Geheimdienst „Office of Strategic Services“ (OSS) während seiner USA-Emigration. Der Report enthält Einschätzungen von etwa 150 namhaften Schriftstellern, Publizisten, Verlegern, Schauspielern, Regisseuren und Musikern, die Zuckmayer meist persönlich kannte und die während der NS-Zeit in Deutschland geblieben waren - ob „zuverlässig“ oder „Nazi“, „indifferent“ oder „Sonderfall“ (S.15). Genannt seien beispielhaft nur Hans Albers, Gottfried Benn, Gustaf Gründgens, Hans Fallada, Wilhelm Furtwängler, Emil Jannings, Ernst Jünger, Erich Kästner, Theo Lingen, Heinz Rühmann, Leni Riefenstahl sowie Peter Suhrkamp - auf die übrigen kann man nicht weniger gespannt sein. Die Charakteristiken des 1939 über die Schweiz und Kuba in die USA emigrierten Dramatikers sind sehr subjektiv und emotional gehalten, meist auf persönliche Erlebnisse zurückgeführt, teilweise mit amüsanten und prägnanten Anekdoten untermalt, mitunter auch nur auf Gerüchte und Vermutungen gestützt. Zuckmayers Angaben sind oft verblüffend treffsicher, gehen in einigen Fällen von unzutreffenden Voraussetzungen aus und führen in Einzelfällen auch zu völligen Fehlurteilen. Zuckmayer hatte, wie die Herausgeber mehrfach anmerken, die Absicht, sein Manuskript zu einem geeigneten Zeitpunkt zu veröffentlichen. Da weder er noch seine Witwe zu ihren Lebzeiten diesen Zeitpunkt ausmachen konnten, ist es umso verdienstvoller, dass die Herausgeber nunmehr das nicht unumstrittene Zeitdokument der deutschen Emigration in den USA der Öffentlichkeit vorstellen. Die Herausgeber haben das Manuskript Zuckmayers mit einem sorgfältig recherchierten, wenn auch nicht allen Hinweisen nachgehenden Kommentar versehen. So wurden leider nicht zu allen charakterisierten Personen Kurzbiographien verfasst. Die Anmerkungen geben dem Leser neben biographischen Angaben wesentliche Anhaltspunkte zum Kontext der Erwähnung der betreffenden Person und ihrer Beziehung zu Zuckmayer an die Hand. Bemerkenswert sind auch die zum Teil sehr persönlich gehaltenen Fotos. Von besonderem Interesse sind die vielen für das Verständnis der Aussagen wichtigen Details, die Zuckmayers Sichtweise umreißen, hinterfragen, häufig bestätigen, hin und wieder von dessen Interpretation abheben und korrigieren [vgl. z. B. die Relativierung der Unterstellungen Zuckmayers gegenüber dem Wiener Burgschauspieler Fred Hennings (S. 92/S. 293 f.)]. Interessant sind auch die zum Vergleich herangezogenen Passagen seiner Autobiographie „Als wär’s ein Stück von mir“ (1966 ff.), die regelmäßig weit milder formuliert sind. Zugleich werden die Lebensumstände des gebürtigen Rheinhessen, seine Einstellung zu den portraitierten Künstlern sowie seine Intentionen und Erfahrungen bei der überwiegend wohlwollenden Beurteilung der nicht emigrierten Künstlerkollegen beleuchtet. Im Nachwort findet der Leser Angaben zu den Primärquellen, zur Genese des Dokuments und über den Kontext seiner Entstehung. Die Herausgeber betonen, dass der Auftraggeber OSS Zuckmayer „die einzigartige Möglichkeit bot, einen aktiven Beitrag zum Kampf gegen das NS-Regime in Deutschland zu leisten“ und Einfluss auf die Entwicklung des kulturellen Lebens in einem demokratischen Nachkriegs-Deutschland zu nehmen. Sie unterstreichen Zuckmayers Motivation, „die künftige Besatzungsmacht in Form von möglichst objektiven Charakterstudien über führende Persönlichkeiten des deutschen Kulturlebens zu informieren“ (S. 414). Die Herausgeber sind deutlich bemüht um besondere Sachlichkeit in der Diskussion des Reports. Die Interpretation bleibt allein dem Leser überlassen. Trotz des erheblichen Umfangs des Nachworts geben sie z. B. Fragestellungen, inwieweit die Aussagen des Reports den Aufgeführten zum Nachteil gereichten, nur geringen Raum. Sie bemerken den „besonderen Stellenwert“ des Urteils Zuckmayers (S. 414) für das OSS und vermuten zugleich, dass der Report für die Genannten folgenlos geblieben sei, „denn in den Entnazifizierungsverfahren wurden keine OSS-Unterlagen herangezogen“ (S. 466). Ob Zuckmayers Einschätzungen oder auch diejenigen anderer Emigranten dennoch jemals von mehr als literarischer Bedeutung waren, bedarf weiterer Untersuchungen. Der Ambivalenz und inneren Entwicklung Zuckmayers wird nur partiell Raum gegeben: Der Erfolgsdramatiker, der den Nazis zunächst nicht ablehnend begegnete, 1939 über die Schweiz und Kuba emigrierte, jedoch in seinem Report selbst nicht frei vom Duktus des Dritten Reiches blieb - ein Rheinhesse, der „als politisch denkender und handelnder Schriftsteller“ (S. 408) die „’Bestrafung’ des Deutschen Volkes nach 1945 ab[lehnte]“ und die Erziehung der Deutschen nicht den Siegermächten überlassen wollte (S. 462). Die Publikation leistet einen beachtlichen Beitrag zur Erhellung der Geschichte der deutschen Emigration in Amerika wie auch der Kulturszene in Deutschland und Österreich in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, belebt die Diskussion und tritt zugleich Spekulationen in der literarischen und Geschichtsforschung sachlich entgegen. Zur Diskussion: Zuckmayers »Geheimreport« und andere Beiträge zur Zuckmayer-Forschung, Redaktion Ulrike Weiß, Wallstein Verlag, Göttingen 2002, 589 S. (Zuckmayer-Jahrbuch. Bd. 5, 2002, im Auftrag der Carl-Zuckmayer-Gesellschaft hrsg. von Gunther Nickel, Erwin Rotermund und Hans Wagener) Das Zuckmayer-Jahrbuch ist gegliedert in die Rubriken „Texte und Dokumente“, „Zur Diskussion: Zuckmayers »Geheimreport«“, „Aufsätze“ und „Rezensionen“. Im Anhang findet der Leser neben einem Personenregister auch die Anschriften der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie der Herausgeber. Als Dokumentenveröffentlichung erschien unter dem Titel: „Ich bange um die Eiszeit »als wärs ein Stück von mir«“. Der Briefwechsel zwischen Carl Zuckmayer und Tankred Dorst. Ediert, eingeleitet und kommentiert von Heidrun Ehrke-Rotermund. Die mit sechzehn Briefen „vergleichsweise schmale Korrespondenz ... zwischen dem alten und dem jungen Dramatiker“ (S. 11) von 1966 bis 1975 wird einleitend als wichtige Quelle geschildert, die Auskunft gibt über die gedankliche Nähe der beiden Schriftsteller, die sich gegenseitig ihrer Unterstützung versicherten. Im Austausch über Dorsts Stück „Eiszeit“ bestärkten sich beide Schriftsteller darin, dass „das Politische ... nur über das Individuelle“ vermittelbar sei. „Dorst hatte nicht zuletzt im Wissen um die Zustimmung des Älteren den Mut zum eigenen, in der bundesrepublikanischen Kulturszene eher unpopulären Standpunkt gefunden. Der Briefwechsel stellte so etwas wie eine heimliche Bundesgenossenschaft zwischen den beiden Autoren her“ (S. 15 f.). Beide Schriftsteller entwickelten die Korrespondenz zunehmend zu einem „Erfahrungsaustausch und Expertengespräch“ (S. 20), wo neben den „Eiszeit-Problemen“ auch weitere Stücke thematisiert wurden, bis hin zu Zuckmayers „Rattenfänger“. Im umfangreichen Kommentar zu den edierten Briefen fügt die Kommentatorin Erläuterungen zum biographischen, historischen oder sachlichen Hintergrund der in der Korrespondenz niedergeschlagenen Gedankengänge bei. Mitunter werden Sachverhalte präzisiert oder erhalten durch den Kommentar eine Objektivierung. „Zur Diskussion: Zuckmayers »Geheimreport«“ melden sich fünfzehn Historiker und Literaturhistoriker zu Wort, von denen zwei herausgegriffen seien: Dagmar Barnouw umreißt in Ihrem Beitrag Gespenster statt Geschichte: Kollektivschuld und Erinnerung die Wurzeln und den Verlauf der Kollektivschulddiskussion bis hin zur Walser-Bubis-Debatte, die bis heute die Öffentlichkeit in das größere Lager der Verfechter der Kollektivschuld teilt. Sie beschreibt die Intentionen des kleineren Lagers, dem sich Zuckmayer verbunden fühlte, mit der Ansicht, dass zeitgemäßes und historischem Erleben gerechtwerdendes Erinnern nur möglich scheint, wenn man die historisch gegebene Situation und den Einzelfall betrachtet und pauschale Verurteilungen ablehnt - zugunsten einer individuell nachgezeichneten, detailgetreuen Darstellung der Vielschichtigkeit menschlicher Entscheidungsfähigkeit und menschlichen Handelns. „Derjenige, der sich jetzt an etwas erinnert, was damals passiert ist, ist nicht mehr der, dem es damals passiert ist. In der Vergangenheit getroffene Entscheidungen ... sind nicht mehr zurückzunehmen. Andererseits sind sie aber nur unter den Bedingungen des zukünftigen Rückblicks auf eine dann vergangene Gegenwart eindeutig richtig oder falsch und, da auch diese zukünftige Gegenwart vergehen wird, auch das nicht auf Dauer ... Historische Rekonstruktionen der Bedeutungen solcher Entscheidungen sollten also die Gewissheiten der Rückblicksperspektive zeitweilig suspendieren, um der Historizität der Entscheidungen und Handlungen der Vergangenheit gerecht zu werden“ (S. 96 f). Günter Scholdt betrachtet in seinem Beitrag Kein Freispruch zweiter Klasse. Zur Bewertung nichtnazistischer Literatur im »Dritten Reich« einleitend Zuckmayers »Geheimreport«, dem er einen vierfachen Wert einräumt: erweiterte „biographische Kenntnis über zahlreiche Repräsentanten des deutschen Kulturlebens der 1930er und 1940er Jahre, ... bemerkenswerte Einschätzungen über die ideologische Haltung und das politische Verhalten prominenter Zeitgenossen ... Zuckmayers Vorstellungen zu Fragen wie Schuld, Verantwortung und »Wiedererziehung« im Nachkriegsdeutschland“ sowie „Zuckmayers Fähigkeit zu griffiger Porträtierung ... ungeachtet der Frage, ob die jeweiligen Charakterbilder dem heutigen Kenntnis- und Deutungsstand entsprechen“ (S. 127). Scholdt verweist auf eine Reihe vor allem neuerer Veröffentlichungen, die das Negativbild der (nichtnazistischen) Literatur im »Dritten Reich« relativieren und setzt sich mit konventionellen Vorurteilen und Klischees auseinander. „Schließlich steckt eine ernstzunehmende Erforschung dieser Epoche noch in den Kinderschuhen“ (S. 177). Sämtlichen Beiträgen ist die deutliche Intention gemein, Zuckmayers Geheimbericht - eingebettet in die umfangreiche Analyse der Emigrationszeit und seiner Vorstellungen, wie mit den Deutschen nach dem Kriege zu verfahren sei, als eine Bestrebung zur individuellen, am Einzelfall orientierten Beurteilung - zu messen und verallgemeinernde Urteile, der Tagespolitik geschuldet, nicht zum Leitgegenstand der Kulturpolitik im Nachkriegsdeutschland werden zu lassen. Zuckmayer stellt sich damit bewusst, wenn auch nicht öffentlich demonstrativ, gegen die Vertreter der von der amerikanischen Besatzungsmacht vorgegebenen und den deutsch-amerikanischen Emigranten weitgehend übernommene These von der Kollektivschuld der Deutschen am Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust, von welcher nur die Emigranten freigesprochen wurden. Zuckmayer hingegen verfolgte die Absicht, dem Nachkriegsdeutschland durch die Einbeziehung und Umerziehung namhafter deutscher Künstler von Format ein eigenes Gepräge zu geben, die Künstler nach ihrer individuellen Einstellung, ihrer persönlichen Leistung und dem Grad ihrer Verstickung und Identifizierung mit den Nazis zu messen und einen individuellen Maßstab anzulegen, nach welchem nicht von vornherein jeder, der Deutschland nicht verlassen hat, sich den Vorwurf des Täters gefallen lassen muss. Die umfangreichste Arbeit unter den Aufsätzen mit Beiträgen zur Zuckmayer-Forschung veröffentlicht Daniela Sannwald, die einen langjährigen Forschungsirrtum ausräumt: Sie weist nach, dass das im Zuckmayer-Nachlass befindliche Filmprojekt „Die weiße Rose“ , datiert auf 1947, nicht aus der Feder des Dramatiker stammt. Das Skript ist Inge Aicher-Scholl, der ältesten der Scholl-Geschwister, ihrem Ehemann Otl Aicher und Freunden der Familie zuzuschreiben. Inge Scholl stand in Kontakt mit Zuckmayer, den sie um Unterstützung für eine künstlerisch anspruchsvolle Verfilmung des Schicksals der Gruppe um Hans und Sophie Scholl bat. Die Autorin skizziert, wie nach mehreren gescheiterten Versuchen schließlich erst 1982 von dem Münchener Regisseur Michael Verhoeven ein Film über die „Weiße Rose“ realisiert wurde. |
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