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Daily reports from the Berlin Film Festival 2003
Day 4: MURNAU Retrospective, Company - Vivek Oberoi; Richard Kwietniowski, John Hurt, Minni Driver - Owning Mahony"

Archive: Day 1, Day 2, Weekend

26. Kinderfilmfest 2003 - Karin Hahn

WETTBEWERB

Wie leicht es einem Erwachsenen faellt, ein Kind zu demuetigen und zu ignorieren, davon erzaehlt die schwedisch-finnische Produktion “Elina”. Das Leben auf dem Land in den 50er Jahren ist hart. Elinas Vater ist gestorben, die Mutter muss schwer arbeiten, um die drei Kinder durchzubringen. Ihre Zugehoerigkeit zur finnischen Minderheit in Schweden macht es auch nicht leichter. Das bemerkt Elina als sie die gefuehlskalte, selbstgefaellige Lehrerin Tora Holm, ausgezeichnet dargestellt von Bibi Andersson, kennenlernt. Bei ihrer ersten Begegnung verteidigt Elina einen Klassenkameraden, der finnisch gesprochen hatte. Von Anfang an laufen die Dinge zwischen Elina und Tora Holm in die falsche Richtung. Gegen Elinas Gerechtigkeitssinn und Sturrheit, denn sie verweigert seit den Ermahnungen der Lehrerin das Essen, reagiert Tora Holm in ihrer Autoritaet nicht anerkannt, mit Demuetigungen und Spott. Ziel ihrer Attacken sind Elinas Armut und ihr Vater, der angeblich auch ein Quertreiber war. Wie jedes Kind, dass sich einsam fuehlt, sucht auch Elina sich einen Zufluchtsort. Das verbotene Moor, in dem sie oft mit ihrem Vater war, jeden Weg kennt und sich ihm nahe fuehlt, ist als Versteck vor der Aussenwelt gerade richtig. In dem jungen Lehrer, der an die Schule kommt, findet Elina einen Rueckhalt und trotzdem kommt es fast zu einem Unglueck im Moor, nachdem Tora Holm das Maedchen ignoriert und nicht mehr am Unterricht teilnehmen laesst.

Schwedens unberuehrte noerdliche Landschaft bildet die Kulisse zu diesem schoenen, stillen Film ueber ein starkes Maedchen.

Fern der ueblichen pummligen Baerendarstellungen greift Jannik Hastrup in seinem daenisch-franzoesischen Animationsfilm “ Der Junge, der ein Baer sein wollte” ein nachdenkliches Thema auf. Nach einer alten Inuitlegende erzaehlt er ein modernes Maerchen ueber die Zerrisenheit zwischen Mensch und Natur. Eine Eisbaerin bringt ein totes Junges zur Welt. Zeitgleich wird ein Junge in einer einsamen Eskimohuette geboren. Die Eisbaerin kann den Verlust ihres Kindes nicht verwinden. Der Eisbaerenvater, der ihr helfen moechte, bringt ihr das neugeborene Baby der Inuitfrau. Nun ist der Schmerz gross auf der menschlichen Seite. Der Inuitvater schwoert, den Baeren zu finden und seinen Jungen zurueckzubringen. Unbeschwert und froh waechst der Junge bei der Baerenmutter auf und wird ein kraeftiges Kind. In klaren und beeindruckenden Bildern erzaehlt der Film vom Glueck und Schmerz des Kindes, denn der Inuitvater toetet die Eisbaerin und bringt sein Kind mit Gewalt wieder zurueck in die Huette. Der Junge jedoch fuehlt, dass er ein Baer ist und setzt alles in Bewegung, um wieder ein Tier zu werden. Die menschliche Zivilisation ist ihm fremd. Die Geschichte erzaehlt mit innerer Dramatik von dem Kampf des unschuldigen Kindes, dass nach seiner Identitaet sucht und lange braucht um zu wissen, wohin es seine Natur draengt.

“ Hotel Hibiskus” heisst die Produktion aus Japan. Die neunjaehrige und vor Lebenslust ueberstroemende Mieko lebt mit ihrer bunten Familie im Hotel Hibiskus, das vielleicht auch schon mal bessere Zeiten erlebt hat, auf der Insel Okinawa. Mieko und ihre zwei Geschwister haben die gleichen Mutter, aber jeder hat einen anderen Vater. Mieko stoert das kaum, bis zu dem Tag, an dem sich alle Familienmitglieder auf Reisen begeben und sie allein mit der Grossmutter zu Hause bleiben soll. Miekos Mutter und ihre Schwester Sachiko reisen in die USA, um den biologischen Vater von Sachiko zu besuchen, Kenji, ihr farbige Bruder, will nach Tokio, um Profi-Boxer zu werden und der Vater von Mieko faehrt fort, um auf einer Ananasplantage zu arbeiten. Und so macht sich Mieko auch auf, zum einen um den Vater zu suchen und zum anderen, um den Elf des Gajumarubaums zu finden.


“Der Entfesselungskuenstler “ , ein Film aus Finnland und Schweden, erzaehlt die Geschichte einer starken Freundschaft zwischen Esko, einem Jungen aus Finnland und dem Schweden Patrick. Beide wohnen an der Grenze und ueberqueren trotz Verbot immer wieder die Eisenbahnbruecke, die die Laender trennt. Esko entflieht zu jeder moeglichen Gelegenheit seinem Zuhause, denn der Vater ist durch eine Krankheit arbeitslos geworden. In seiner Freizeit beschaeftigt er sich mit den Kriegserlebnissen seines Grossvaters und den Schlachten im II. Weltkrieg. Als er Patrick kennenlernt, macht dieser ihn mit der Welt des Entfesselungskuenstlers Houdini bekannt und seinen beeindruckenden Tricks. Die Beziehung zwischen den Jungen wird, trotz Protest des Vaters von Patrick, der keinen Finnen in seinem Haus haben moechte, immer enger. Doch dann stirbt Patrick an Leukaemie und Esko fuellt sich unendlich allein, zumal Patricks Schwester Helene ihm die Schuld am Tod ihres Bruders gibt. Sehr lebensnah und ungeschoent zeigt der Film die beiden Jungen mit ihren Traeumen und Hoffnungen.

Der Entfesselungskuenstler Houdini spielt auch in dem norwegischen Kurzfilmbeitrag

“ Houdinis Hund” eine Rolle. Fredrik ist der Sklave von Klara und das sagt er auch ganz unbefangen in die Kamera. Alles was sie moechte, erfuellt er ohne Widerrede. Als sie ihn gefesselt im Meeressand eingraebt und etwas zu trinken holt, scheint seine Lage ziemlich ausweglos. Aber Klara hat nicht mit Houdinis Hund gerechnet und Frederik ist nicht so willenlos, wie sich Klara das vorgestellt hatte.

“ Lost Haeven” heisst der Spielfilm aus den USA, in dessen Mittelpunkt abenteuerwuetige 15-Jaehrige stehen, die gegen ihre harte Klosterschullehrerin Schwester Assumpta (Jodie Foster) revoltieren. Seine ganze Phantasie legt Francis in seine Zeichnungen, Comics, die als Parallelhandlung die Geschichte begleiten. Schwester Assumpta ist Nonzilla gegen die die Jungen mit ihren aussergewoehlichen Kraeften antreten muessen. Sie zelebrieren Uebermacht, Gewalt und Erloesung in knalligen Animationsszenen. Das wahre Leben muss herausgefordert werden, meinen Tim und Francis, ohne zu ahnen, wie das eigentlich wirklich aussieht. Nicht erwachsen und doch auch keine Kinder mehr, proben die Jungen ihre Kraefte und lassen die Steinmarienfigur, die hoch auf dem Gebauede ihrer Klosterschule steht, verschwinden. Francis erlebt mit Margie die erste grosse Liebe und stellt damit auch seine Freundschaft zu Tim auf die Probe. Die Langeweile scheinen die Jungen in dem kleinen Ort in den 70er Jahren, nur durch waghalsige dumme Jungen Streiche zu ertragen. Als die beiden einen angefahrenen Hund wie weggeworfen auf der Strasse finden, der dann stirbt, entspinnt sich ein Streit ueber das richtige Leben und das Drama deutet sich an. Aus einem der ausgedachten Streiche wird bitterer Ernst.

Sehr konzentriert und milieugenau erzaehlt der Debuetfilm von einer grossen Freundschaft und ihrem tragischen Ende.

Mit “Abbie Sued - Ost” hat Ellen-Alinda Verhoeff einen beeindrueckenden Kurzfilm gedreht.

Abbie, 14 Jahre, uebernimmt, als ihr Vater den Leuchtturm und das nahe gelegene Haus fuer ein paar Tage verlaessen muss, die Verantwortung fuer ihre zwei kleinen Schwestern und die kranke Mutter. Nie darf das Licht auf dem Leuchtturm verloeschen. Doch Abbie, ueberfordert mit ihren Aufgaben, vergisst kurzzeitig das Licht anzuzuenden. Der grosse Sturm von 1856 ueberrascht die einsam wohnende Familie. Die Fluten steigen immer hoeher. In kuerzester Zeit gehen den vier Bewohners die Lebensmittel aus und das Wohnhaus steht unter Wasser. Als Fluchtort bleibt nur der Leuchtturm und die Hoffnung auf die Rueckkehr des Vaters. Mit aeusserster Dramatik zeigt der Film den Ueberlebenskampf Abbies und die harten Bedingungen, unter denen sie diesen durchstehen muss. Dieser Kurzfilm, eine amerikanisch- niederlaendisch- brasilianische Produktion, entstand nach einer wahren Geschichte.

“Pepes Uhr” von Michael Peretz heisst der israelische Kurzfilmbeitrag. Dudu lebt allein mit seiner Mutter. Zu seinem Geburtstag moechte sie alles so festlich und schoen haben, wie zu Dudus Kinderzeiten. Aber Dudu ist kein Kind mehr. Er zieht sich irgendwelche Klamotten an und brueskiert die Mutter, versucht alles ins Laecherliche zu ziehen. Auch die mahnenden Worte des Onkels zeigen keine Wirkung mehr. Als Dudu dann auch noch die Uhr von seinem Vater, das feierlich ueberreichte Geschenk der Mutter, verliert, flieht er von zu Hause.

Erst als er in seinem Versteck ungewollt ein Gespraech zwischen Onkel und Mutter belauscht, erkennt er, wie sehr seine Mutter ihn liebt und wie kleinkindhaft er sich benommen hat. Dudu versteht, die Zeit ist gekommen, wo er auch fuer sich Verantwortung uebernehmen muss.


“Der zu kleine Prinz” ist ein witziger Animationsfilm, ueber einen kleinen Menschen, der beim Fruehjahrsputz bemerkt, dass die Sonne eine dunklen haesslichen Fleck hat. Voller Energie versucht er, diesen Schmutz zu beseitigen und begibt sich selbst in Gefahr. Endlich ist der Aerger beseitigt, geht die Sonne erneut auf - mit dem gleichen, dunklen Fleck. Eine witzige Parabel ueber die Probleme, die man sich selbst schafft ohne dies zu ahnen.



PANORAMA

“ Wolfsburg “ von Christian Petzold heisst der deutsche Spielfilmbeitrag im Panorma. Die Autostadt Wolfsburg bildet den Hintergrund fuer dieses eindringliche Kammerspiel. Philipp, ein Autoverkaeufer, faehrt einen 8-jaehrigen Jungen an und begeht Fahrerflucht. Die Mutter des Jungen, Packerin in einem Supermarkt, schlaegt sich irgendwie durchs Leben. Der Tod des Kindes wirft sie aus der Bahn. Sie fuehlt sich schuldig und versucht mehrmals sich umzubringen. Kraft findet sie kurzzeitig bei der Suche nach dem Moerder ihres Sohnes. Philipp geplagt von Gewissensbissen, lenkt sich ab, verreist, heiratet. Als er erfaehrt, dass der Junge gestorben ist, versucht er Kontakt zur Mutter aufzunehmen. Langsam, mit sparsamen, kargen Dialogen naehern sich die beiden. Entscheidungsort ist immer der abgegrenzte, enge Raum des Autos. Lautlos und mit kuehlem Interior konzentriert sich der Film auf die zwei Menschen, die schicksalhaft miteinander verbunden sind. Nina Hoss spielt mit grosser Intensitaet die Mutter, mit der der Zuschauer mitleidet und doch auch auf Distanz bleibt. Benno Fuermann als Philipp zeigt den mutlosen, entscheidungschwachen Taeter, der zugleich zum Opfer wird.