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The Author: Karin Hahn is specialist critic for childrens literature and a Juror for'The Best Seven', a monthly selection of new books for children published in Germany. She broadcasts regularly for DeutschlandRadio, Antenne Brandenburg and other stations Karin Hahn produces radio plays for children and biographical radio features.

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NEUERSCHEINUNGEN / HERBST 2002

Klaus Kordon, Krokodil im Nacken, Beltz & Gelberg, 796 Seiten, 2002, EUR19.90

( fuer Jugendliche und Erwachsene)

Die Geschichte von Manfred Lenz geht nahe und bewegt. Der Leser weiss, er hat zwar einen Roman in Haenden und doch sind es die authentischen Lebenserinnerungen des Schriftstellers Klaus Kordon selbst. Schafft Guenter Kunert in seinen Kindheitserinnerungen “Erwachsenenspiele”, die sich ebenfalls mit dem deutsch-deutschen Thema befassen, Abstand durch Ironie und Sarkasmus, so nutzt Kordon eine literarische Figur, um nicht “ Ich ” schreiben zu muessen. Manfred Lenz ist sein Alter Ego.

1972 beschliessen Manfred Lenz und seine Frau Hannah mit den zwei Kindern Silke und Michael, die DDR zu verlassen; Berlin, den Ort, wo Lenz gross geworden ist, Freunde zuruecklaesst, sein Zuhause. Doch wie gelangt jemand zu dieser endgueltigen Entscheidung, die alles veraendern wird? Fuer Manfred Lenz ist ein unbeschwertes Dasein im Land der sozialistischen Dauerphrasen unertraeglich geworden. Er will nicht mehr luegen, nicht mehr sich selbst in allem was er denkt und sagt kontrollieren. Das Krokodil im Nacken, das schlechte Gewissen, gegen die innere Ueberzeugung zu leben, laesst ihn nicht mehr los. Er, der es vom Arbeiter zum Aussenhandelskaufmann gebracht hat, und nun sogar ohne Parteibuch ins westliche Ausland reisen durfte, hat mit seinen 30 Jahren scheinbar alles erreicht. Als er jedoch zum Sprachrohr der SED anlaesslich des Prager Aufstandes 1968 gemacht wird, endet fuer Lenz das Arrangieren in der “ besseren sozialistischen” deutschen Gesellschaft. Eine legale Ausreise in den Westen per Antrag war zu diesem Zeitpunkt nicht moeglich und so blieb nur der illegale Weg voller Risiken. 200 Kilometer vor der tuerkischen Grenze wird die Familie Lenz in ihrem Bulgarienurlaub verhaftet. Der Grund: “Republikflucht”.

In einer engen Zelle ohne Tageslicht, in Einzelhaft im Staatssicherheitsgefaengnis Hohenschoenhausen, “ Verwahrraum 102, Pritsche 2”, ist sich Manfred Lenz mit seinen bohrenden Gedanken selbst ueberlassen. Seine Reise in die Vergangenheit beginnt.

Klaus Kordon beschreibt in seinem klaren Stil spannend, wirklichkeitsnah und sprachgenau die Zeitspanne von den 50er bis in die 70er Jahre. Wie in einem Spielfilm pendelt die Handlung zwischen Gefaengnisalltag und den Erinnerungsspruengen in die wechselvollen Lebensabschnitte des Protagonisten. Und Klaus Kordon hat ein fast fotografisches, detailgenaues Gedaechtnis fuer Orte, Menschen, Gerueche und Erlebnisse. Die Kneipe der Mutter im Prenzlauer Berg oeffnet ihre Tueren, mit Gaesten, die je nach System ihre Fahne in den Wind haengen, die Erinnerungen an die Drillmethoden im Kinderheim werden wach, in das Lenz als Jugendlicher nach dem Tod der Mutter wechseln musste, Beschreibungen menschlicher Schicksale schmerzen, ob nun in der Volksarmee der DDR oder in seinem Freundeskreis. Kurz schimmert der Glamour Westberlins auf und die wiederkehrenden Zweifel, soll man bleiben oder gehen. Den Alltag, die Arbeitsatmosphaere und das schizophrene Lebensgefuehl in der DDR gibt Klaus Kordon hautnah als waere es gestern gewesen wieder. Bilder von den verlogenen Maidemonstrationen laufen vor dem inneren Auge ab und der Leser hoert die oberflaechlichen, gebetsmuehlenartigen Parteibekenntnisse.

Als Manfred Lenz ohne Rechtsbeistand, vorverurteilt in Haft sitzt und mit den unmenschlichen Methoden in den Gefaengnissen der DDR konfrontiert wird, kommen keine Bedenken mehr auf, weshalb er das System der DDR verlassen musste. Nur ein Name gibt ihm Hoffnung, der des Rechtsanwaltes Dr.Wolfgang Vogel.

Klaus Kordon wollte nicht im Zorn, in Wut zurueckschauen. Deswegen sicher auch das lange Warten, gut 30 Jahre, bevor er sich an seine eigene Geschichte herangewagt hat. Dieser voluminoese Roman, immerhin 800 Seiten, erschienen in einem Kinder- und Jugendbuchverlag, der laut Aussagen Kordons in der Urfassung noch viel umfangreicher war, fesselt jeden Leser bis zum Schluss.

Die Geschichte des Manfred Lenz ist ein unverzichtbarer Rueckblick in die deutsch-deutsche Vergangenheit, aber auch eine Innenansicht der DDR, einem Land, das nicht mehr existiert und doch nicht vergessen werden darf.

Ein zeitgeschichtlich genauer Roman fuer jede Generation.

Susanne Gaschke, Hexen, Hobbits und Piraten, Die besten Buecher fuer Kinder, Deutsche Verlags-Anstalt, 269 Seiten, EUR 19.90

Zeitgemaesse Orientierungshilfen und Lock-Angebote zum Lesen gerade fuer den Kinder- und Jugendbuchbereich sind sicher von Noeten, denn jaehrlich haeufen sich Unmengen von sehr guten und qualitativ weniger attraktiven Titeln in den Buchregalen. Und warum nicht auf die Buecher hinweisen, die lesenswert sind und zu schnell aus der Sicht der Leser verschwinden. Andererseits koennte ein fachlich fundiertes Sachbuch nach den bedenklich stimmenden PISA-Ergebnissen, die deutsche Bildungspolitik ist allerdings nicht erst seit PISA ins Gerede geraten, fuer besorgte leseinteressierte Eltern sicher auch eine anregende Lektuere sein.

In “Hexen, Hobbits und Piraten” versucht Susanne Gaschke nun ihre Buecherbegeisterung vom Pappbilderbuch uebers Kinderbuch bis hin zum Jugendbuch auf den erwachsenen Leser zu uebertragen. Da das Kinderbuchfeld ein riesiges ist, erklaert es sich von selbst, dass die Auswahl der vorgestellten Buecher nur eine begrenzte sein kann. Dass Susanne Gaschke sich dabei auf ihre und die Lieblingsbuecher ihrer zehnjaehrigen Tochter festlegt und auch noch der Meinung ist, das das die besten 100 Kinderbuecher seien, ist allerdings vermessen. Der subjektiven Sicht der Autorin ist dann auch leider trotz Vereinigung der Blick auf die doch mal in Augenschein zu nehmende Kinderliteratur der DDR entgangen. Zwar wird der Name Franz Fuehmann wie der eines Ausserirdischen erwaehnt, aber das war es dann. Dafuer preist die lesewuetige Autorin in ihrem Kapitel ueber Maedchenliteratur die “rebellischen Heldinnen”

“ Nesthaekchen “, “ Heidi” und “Trotzkopf” an. Weshalb diese Lektuere, die in der Literaturgeschichte schon laengst ihren Platz eingenommen hat, ausgewaehlt wurde, kann die Autorin auch nicht stichhaltig belegen. Wenn Maedchen oder Jungen zum Lesen angeregt werden sollen, dann moechten sie sich doch auch in den literarischen Figuren wiederfinden, sich identifizieren oder abgrenzen. Und was Literatur fuer Kinder und Jugendliche der juengsten Gegenwart angeht, so ist auch hier der Einblick der Autorin ein ungenuegender. Fehlte es da an Neugier, Interesse, an Lust auf Recherche oder war es einfach nur Ignoranz?

Sicher moechte der interessierte Leser, und nur der greift zu diesem Sachbuch, nicht zum Tausendstenmal hoeren, wie gut die Buecher von Astrid Lindgren sind. Auch die moralische Litanei vom schaedlichen Fernsehen, den schrecklichen Computerspielen und unsensiblen Buchadaptionen fuer das Kino sind ueberfluessig. Nichts gegen die Klassiker, aber haben sich in den letzten zehn Jahren nicht viele sehr gute Autoren einen Namen gemacht? Kirsten Boie, Peter Haertling, Mirjam Pressler, Marliese Arold, Jutta Richter, Martina Dierks, Klaus Kordon oder Christine Noestlinger, Andreas Steinhoefel, Zoran Drvenkar, um nur wenige der deutschsprachigen Schriftsteller zu nennen.......?

Ungenau sind auch die Ausfuehrungen zu J.K. Rowlings “ Harry Potter”-Buechern. Den Erfolg hat ja gerade kein Marketingaufwand ins Rollen gebracht, sondern die Leser, die Kinder selbst und das ist ja gerade das Besondere und Wertvolle. Sicher ist Dietlof Reiche ein guter Autor, aber die “Freddy”- Baende sind nicht das Beste der letzten Jahre, auch wenn die

“ Zeit”-Kollegin von Susanne Gaschke, die Lebenspartnerin des Autors, Vorbild fuer die Reporterin in den Hamstergeschichten war.

Benennen haette der Verlag das Buch mit “ Susanne Gaschkes Lieblingsbuecher” , erst dann waere er dem Inhalt gerecht geworden.

Philip Pullman, Ich war eine Ratte, Carlsen Verlag , 153 Seiten, EUR 14.50

( fuer Kinder ab 9 Jahre)

Dem englischen Bestsellerautor Philip Pullman fehlt es nicht an Selbstvertrauen, denn er scheut sich nicht zu sagen, dass seine Romane besser sind als die von Joan K. Rowling. Immerhin ist er in England zum “Autor 2001” gekuert worden. Philip Pullman behauptet von sich, dass er ein “Geschichten- und Maerchendieb” ist. Er sammelt faszinierende Erzaehlungen, Episoden und Geschehnisse und verarbeitet diese dann in seinen Buechern. So geschehen in seinen Fantasy-Romanen “ Der goldene Kompass”, “Das Magische Messer “ und “ Das Bernsteinteleskop”. Auch in seinem neuesten Kinderroman “Ich war eine Ratte” versteckt sich in der Handlung ein wenig von “Oliver Twist” und den “ Grimmschen Maerchen”. Aber Pullman ist ein wunderbarer Erzaehler, denn seine Grundidee verknuepft er mit vielen Handlungsstraengen, die bis in die Gegenwart reichen.

Ein ungefaehr 9-jaehriger Junge in Pagenuniform klopft eines Tages an die Tuer der kinderlosen Eheleute Bob und Joan. Er behauptet, dass er bis vor kurzem noch eine Ratte war und nun sei er ein Mensch. Gewohnt habe er unter dem Gully am Kaesestand. Ist dem Kind nicht gut, ist es geflohen, hat es sein Gedaechnis verloren oder ist ihm vielleicht etwas auf den Kopf gefallen? Alle Versuche scheitern, um herauszufinden, wohin der Junge, den die Pflegeeltern Roger nennen, gehoert. Die aufregende Handlung der Geschichte unterbricht regelmaessig das “Das Morgen-Echo”, eine geschwaetzige Zeitung, die von dem seltsamen Auftauchen der Prinzessin Aurelia und der Heirat mit dem Prinzen berichtet. Zwischen Roger und der Prinzessin besteht eine maerchenhafte Verbindung, die sich im Laufe der Handlung ueberraschend aufloesen wird. Bevor dies jedoch geschieht, durchlaeuft der naive Roger alle Niederungen der Menschen, denn diese sind nicht an Rogers Geheimnis interessiert, sondern nur an ihrer Lust am Ekel, seinen Faehigkeiten als flinkes Nagetier, dem Schauder und der Angst vor dem Ungewoehnlichen. Roger will nach allen negativen Erfahrungen wieder eine Ratte werden, denn die Menschenwelt verwirrt ihn und laesst ihn nur ihre Kaelte spueren. Doch sein Wunsch soll ihn fast das Leben kosten.

Philip Pullman hat eine fuer Kinder spannende und auch sensible Geschichte geschrieben. Er spielt unverkrampft mit gaengigen Maerchenmotiven und zeigt unverhohlen die verlogene Medienwelt. Mit Roger koennen die Leser lachen, wenn er all seine rattigen Vorlieben, wie Trotteln anknabbern oder Seife essen, auslebt, aber auch mitempfinden und mitleiden, wenn hinterhaeltige Menschen Rogers Unwissenheit ausnutzen, um ihm angeblich Gutes zu tun.

Antje Damm, Frag mich!, Moritz Verlag, EUR 16.80, 2002

Katy Couprie und Antonin Louchard., Die ganze Welt, Gerstenberg Verlag, EUR15.80, 2001

Auch an der Architektin Antje Damm, die zwei Toechter hat, ist das erfolgreiche Buch von Donata Eischenbroich “ Weltwissen der Siebenjaehrigen” ( Kunstmann Verlag) nicht spurlos voruebergegangen. Ausdruecklich betont die Autorin des Bilderbuches auch dies, bevor der Betrachter die erste Frage: Wer ist dein bester Freund, wer deine beste Freundin?lesen kann. Die 108 Fragen, die jeweils auf der linken Seite formuliert werden und dann auf der rechten Seite mit einem gezeichneten Bild, einer Fotografie oder einer Collage mal ganz simpel beantwortet werden, mal zum Denken und Weiterspinnen auffordern, stammen diesmal nicht von wissensdurstigen Kindern. Maedchen und Jungen haben die Seite gewechselt und moechten selbst befragt werden. Und so koennen alle, die in das handliche Buch schauen, ganz unkompliziert und schnell Gedanken formulieren, Ideen haben, Geschichten erzaehlen und ins Gespraech kommen. Antje Damm durchforstet mit ihren Fragen alle Lebensbereiche der kindlichen Welt, ob es sich nun um die Familie dreht, die Umwelt, den Alltag und es koennen Tore fuer neue Erfahrungen, neues Wissen aufgeschlagen werden.

Wen vermisst du?, Welchen Wunsch hast du, der niemals in Erfuellung gehen kann? In wen moechtest du dich fuer einen Tag verwandeln? Gibt es ein Schimpfwort, das du lustig findest? Die ganze Welt des Kindes findet in “Frag mich!” Platz. “ Die ganze Welt” ist auch der Titel des Bilderbuches von Katy Couprie und Antonin Louchard, vor einem Jahr im Gerstenberg Verlag erschienen. Beide Buecher aehneln sich nicht nur in der aeusseren Gestaltung und Groesse. Ohne Texte dreht sich auch in dem Bilderbuch aus Frankreich alles um das Geschichtenerfinden, das genauere Hinschauen, um Assoziationen, die Malerei oder Fotorealismus ausloesen koennen. Die Kontraste oder das Gemeinsame zwischen den sich gegenueberliegenden Bildern, Fotos oder Collagen steht im Mittelpunkt. Anschauungsweisen, verrueckte Spielereien, Zufaelligkeiten oder einfach nur ein grosses Bild ueber beide Haelften hinaus von einer Autowerkstatt durchbrechen immerwieder ein Konzept, das offensichtlich gar nicht vorhanden ist. Beeindruckend das nah fotografierte glatte alterslose Bild eines Puppenkopfes und auf der anderen Seite das mit Falten durchfurchte Gesicht einer alten Frau, das soviel vom Leben erzaehlt.

“Frag mich!”und “Die ganze Welt”sind Gebrauchsbuecher. Sie sorgen fuer Gespraechsstoff vor dem Schlafengehen, bei einer Bahn- oder Autofahrt oder im Kindergarten und sie regen an, zum Zeichnen, Ausschneiden, Fragenerfinden, Geschichtenerzaehlen und zum Miteinanderreden.

Auf der 54.Frankfurter Buchmesse wurde der Deutsche Jugendliteraturpreis 2002 im Bereich Bilderbuch an “Die ganze Welt” von Katy Couprie und Antonin Louchard vergeben.

Glueckwunsch!

Auf höchst unterhaltsame Weise erzählt Nina de Gramont nicht nur von Männern und Katzen, sondern auch von Frauen, denen oftmals die Vierbeiner gehören. Neben den Protagonisten tauchen in den zehn Erzählungen fast nebenbei verschiedene Katzencharaktere auf. Mal schmusig veranlagt, verwöhnt und hochnäsig, ängstlich oder forsch, dann wieder freiheitsliebend ohne jeden Anspruch an den Besitzer, ganz zu schweigen von einem Treueversprechen, bahnen sich die Tiere ihren eigenen Weg. So erzählt die Geschichte „Der höfliche Umgang unter Königen”