The Author: Karin Hahn is specialist critic for childrens literature and a Juror for'The Best Seven', a monthly selection of new books for children published in Germany. She broadcasts regularly for DeutschlandRadio, Antenne Brandenburg and other stations Karin Hahn produces radio plays for children and biographical radio features.
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Neue Fruehjahrsbuecher 2003 Belletristik und Kinder- Jugendbuecher
Dietmar Grieser, Pinocchio, Pumuckl und Peter Pan, Kinderbuchfiguren und ihre Vorbilder, insel taschenbuch. 244 Seiten, EUR8.50 Roberto Benignis “Pinocchio”, nun bereits die zwoelfte Verfilmung, ist leider nicht das erwartete Meisterwerk. Trotz praechtiger Ausstattung und vieler effektvoller Trickszenen fehlen die gesellschaftlich aktuellen Bezuege, die es in diesem Klassiker von Carlo Collodi doch immer wieder auf’s Neue zu entdecken gilt. Nicht mal der kleine freche Holzjunge, der zu gern ein Junge werden moechte, kommt in diesem Pinocchio-Film nicht vor. Benignis Pinocchio ist immer nur Benigni. Auch im toskanischen Ort Collodi, der Autor gab sich aus Gruenden der Zensur dieses Pseudonym, ist Pinocchio nicht mehr Zuhause. Der Kommerz laesst die beruehmten Kinderfiguren zu oberflaechlichem Nippes verkommen. Diese typische Vermarktung der Kinderbuchfiguren hat nicht nur Pinocchio ereilt, auch Huckleberry Finn oder Heidi sind Merchandising-Opfer geworden. Der oesterreichische Autor Dietmar Grieser hat jedoch bei seinen Reisen nicht nur die negativen Seiten des Ruhms entdeckt, sondern er schreibt auch von erfreulicheren Begegnungen mit Menschen, die die Literatur kennen und achten. So hat die Nachmieterin der Erich Kaestner-Familie in Dresden - Neustadt als sie erfuhr, in welcher bekannten Wohnung sich nun eingezogen ist, sich gleich mit Kaestners Buechern vertraut gemacht. Unkompliziert und kompetent zeigt sie jedem Interessierten das Refugium der einst so chouragierten Mutter Kaestner, die um Geld zu verdienen, einen Heimfrisoer in der Wohnung eroeffnet hatte. “Lokalaugenschein” ist fuer Dietmar Grieser ein wichtiges Wort, denn in Lokalaugenschein hat er alle Orte genommen, wo bekannte Kinderbuchfiguren geboren wurden, ob das nun “ Der kleine Prinz” in einer Villa in der Naehe von Manhattan ist oder Peter Pan im Kensington Park. Und Dietmar Grieser geht den Urspruengen der Figuren und Autoren nach. Manches ist sicher in einschlaegiger Fachliteratur oder auch schon fuer Kinder aufgearbeitet worden, so z.B. die Beziehung zwischen Alice Liddl und Lewis Caroll. Und trotzdem finden sich bei Grieser immer noch neue Details. Fern jeglichem germanistischen Fachjargons versteht es der Autor, unterhaltsam zu plaudern und weckt die Lust, wieder ein Buch aus vergangenen Kindertagen in die Hand zu nehmen. Leider ist die Ausgabe des Insel Verlages auf dem Stand von 1987. Waere es da nicht empfehlenswert gewesen, wenn Autor und Verlag die offenen Fragen, die im Text ja vorhanden sind, zum Beispiel ueber die Suche nach der wahren Heidi, jetzt zu aktualisieren? KINDERBUECHER Eva Ibbotson, Maia oder Als Miss Minton ihr Korsett in den Amazonas warf, Dressler Verlag, EUR13.90 Eva Ibbotson kann gut erzaehlen, ob es nun ihre maerchenhaft-phantastischen Geschichten sind oder erdachte wirklichkeitsnahe so wie die von dem Maedchen Maia und ihren ungewoehnlichen Erlebnissen am Beginn des 20. Jahrhunderts. Maia hat ihre Eltern, sie waren Archaeologen, bei einem Unglueck in Marokko verloren. Auch Finns Vater, ein Naturwissenschaftler, ist bei einem Unfall um’s Leben gekommen. Nur wohnt Maia in London in der wohlbehueteten Mayfair-Akademie fuer junge Damen und Finn in Brasilien, mitten in den sonnendurchfluteten, farbenpraechtigen Waeldern des Amazonas. Trotz verschiedener Welten werden sich beide Kinder kennenlernen und gemeinsam ein grosses Abenteuer bei einem Indianerstamm erleben. Verwandte von Maia betreiben eine Kautschukplantage in Brasilien und nehmen das Kind auf. Doch schnell begreift die Protagonistin des Romans, dass die Carters bornierte Zeitgenossen sind, die nur auf gesellschaftliches Prestige und Geld aus sind. Maia mit ihrem Vermoegen kommt ihnen gerade recht. Und die Zwillinge Beatrice und Gwendolyn werden fuer das einsame Maedchen nicht zu den erhofften Freundinnen, denn sie sind verzogen und dumm. Der einzige Lichtblick ist die Gouvernante Miss Minton. Streng und gerecht versucht sie ihrer Arbeit nachzugehen und erkennt, dass Maia an diesem Fleck Erde nicht gluecklich werden wird. Ihre Kompetenzen ueberschreitend versucht Miss Minton, Maia Freiraume in der trostlosten Umgebung zu schaffen. Ohne Furcht nutzt Maia ihre Moeglichkeiten und lernt durch Zufall im Dschungel Finn kennen. Mit ihm wird sich ihr ganzes trostloses Leben veraendern. Spannend und spielerisch verknuepft Eva Ibbotson geschickt die verschiedenen Handlungsstraenge zwischen England und Brasilien und schafft es, eine uebersichtliche aufregende Abenteuergeschichte zu erzaehlen. Jerry Spinelli, Crash - Das Leben ist ein Football, Dressler Verlag, 192 Seiten, EUR12.- Jerry Spinelli, erfolgreicher amerikanischer Jugendbuchautor und seit Romanen fuer Kinder wie “ Taubenjagd”, “East End, West End und dazwischen Maniac Magee”, nominiert fuer den Deutschen Jugendliteraturpreis 2001, und “Stargirl” auch bei uns kein Unbekannter mehr. “ Crash - Das Leben ist Football” spielt in Pennsylvania, wo auch der Schriftsteller Spinelli 1941 geboren wurde. Crash und Penn sind die beiden Akteure dieser ungewoehnlichen Freundschaftsgeschichte, die eigentlich keine werden sollte, wenn es nach Crash, eigentlich John Coogan, ginge. Zwei voellig unterschiedliche Charaktere prallen in der unspektakulaer erzaehlten Geschichte aufeinander. Crash, der vordergruendig starke nicht immer sympathische Protagonist, beschreibt aus seiner Sicht die Vorgaenge, die sich ueber mehrere Jahre erstrecken. Fuer ihn gibt es das Wort verlieren nicht, alles haut er um, was ihm im Weg steht. Crash ist wie der stellvertretende Direktor sagt “ eine wandelnde Zeitbombe”. Penn hat zwar einen sportlichen Grossvater, der beim Penn - Stafettenlauf gewonnen hat und dem er seinen Vornamen verdankt, aber er ist lieber Cheerleader und jubelt den spielenden Jungen zu, was Crash ziemlich seltsam findet. Alles ist an dem Aussenseiter und Loser Penn eigenartig. Unvoreingenommen und naiv geht er auf die Leute zu und fuegt sich einfach nicht in das, was alle normal nennen wuerden. Als Sohn von Quaekern lehnt er Gewalt ab, kennt keine populaere Fernsehsendung, isst kein Fleisch und kleidet sich im Second-Hand-Shop. Allein der Gedanke, Klamotten aus zweiter Hand, ist fuer Crash ein Albtraum. Ob mit angesagten Klamotten oder Turnschuhen, Crash und sein Kumpel Mike wollen nur eins: um jeden Preis auffallen, alles das machen, was die anderen auch tun, Football spielen, Pizzas verdruecken und nach Maechen schauen. Als Scooter, Crashs heissgeliebter Grossvater dann einen Schlaganfall erleidet, faengt Crash an auf leisere Toene zu hoeren. Ungewohnt fuer seine Umwelt beginnt er nach innen zu schauen, mit der Angst um den kranken Scooter klarzukommen. Als Penn dann Mississippi - Schlamm, der angeblich heilende Wirkung haben soll, bei Scooter vorbeibringt, lacht Crash nicht mehr ueber den Spinner, der Penn doch fuer ihn war. Die beiden Jungen scheint die Hoffnung, wie auch immer sie aussehen mag, naeher zu bringen, wenn auch nur langsam. Auf einmal geht es nicht mehr um Effekte, Aeusserlichkeiten, die Sicht der anderen, sondern um das wirkliche Leben. Jerry Spinelli moralisiert nicht, seine Figuren sind in ihrer Differenziertheit einmalig und doch immer wieder eindeutige Identifikationsangebote an den Leser. Crashs coole und zugleich komische Erzaehlweise ist temporeich und witzig. SCHNAPP & KLAPP / Handpuppen mit Buechern aus der Annette Betz Verlag, Jane Clempner, EUR9.90 Ein laenglicher, flauschiger Figurenkopf mit auffaellig herausstehenden Augen und Ohren, ob es nun ein Loewe, ein Zebra, eine Kuh oder ein Hund mit Schlappohren ist, schmiegt sich schnell in jede Hand und kann zum Kuscheltier werden. Beim Aufklappen des Kopfes, dem Loesen der Zunge der Tiere, entdecken die Kinder im Maul ein Pappbilderbuch. Simpel und klar sind die Geschichten von Gundi, der Kuh oder Leo, dem Loewen. Vielleicht schauen sich einige Kinder erstmal die Bilder im schmalen Buch an oder lassen sich die Geschichte vorlesen, andere ahmen die Tierstimmen nach, spielen vielleicht Theater oder erschrecken einfach nur ihre Freunde mit lautem Loewengebruell oder hektischem Hundegebell. Leider ueberleben die Buecher in den Maeulern der Tiere auch nach mehrmaligem Kleben die aktionsreichen Spielattacken der Kinder nicht. Schade. Christoph Hein, Mama ist gegangen, Beltz & Gelberg Verlag, 146 Seiten, EUR12.90 Nur wer einmal richtig gluecklich war, kann tief trauern. Christoph Hein hat sich mit seinem Kinderbuch “ Mama ist gegangen” an ein Tabuthema gewagt, den Tod. Die lebensfrohe, oft lachende Mutter von Karel, Paul und Ulla stirbt an einer ploetzlich eintretenden Krankheit. Der Vater, ein Bildhauer, obwohl er sich nur als guter Handwerker bezeichnet, versucht sie nach seinen Moeglichkeiten zu ersetzen. In einer sprachlich einfachen Sichtweise schaut der Erzaehler auf die Familie und beschreibt ihr Leben nach dem Verlust. Neue Frauen scheinen die Stelle der Mutter einnehmen zu wollen, aber die Kinder halten zusammen, wenn es um interne Familiendinge geht. Alles wird mit dem Vater gemeinsam besprochen und ausgehandelt. Lange ringt der Bildhauer mit der Pieta fuer einen Bischof in Sueddeutschland. Er moechte dieser Steinfigur etwas Bleibendes von seiner Frau mitgeben. In dieser linear langsam erzaehlten Geschichte um Trauer, Verlust und Neuanfang wirken die Protagonisten in ihren eindimensionalen Charakterisierungen schemenhaft. Die Schlauheit und Lebensweisheit der Jungen, die wie junggebliebene Erwachsene wirken, amuesiert nicht, ist nicht komisch, eher nur aergerlich. Auch in der Vaterfigur finden sich keine Brueche. Er ist der ewig, starke, sanftmuetige fast konturlose Uebervater, der nicht kochen kann. Viele Beschreibungen betreffen nur die Aeusserlichkeiten des Daseins, als sei die Innenperspektive dem Autor versperrt. Nur Ulla darf Kind sein, naive Fragen stellen und auch sie bleibt eine kuenstliche Figur, die nicht zu leben beginnt, trotz grossem Verlust. Das Kinderbuch “ Mama ist gegangen” beruehrt nicht und das ist bei diesem so wichtigen Thema eine Enttaeuschung. Andreas Steinhoefel, Der mechanische Prinz, Carlsen Verlag, EUR16.- Schon in “ Beschuetzer der Diebe” war Berlin der Handlungsort fuer Andreas Steinhoefels spannende Geschichten. Auch im neuen Buch “ Der mechanische Prinz” ist die Spielstaette wieder die anonyme Grossstadt. In ihr lebt das “Egalkind” Max. Seine Eltern interessieren sich nicht fuer den Jungen, sie streiten lieber und lassen ihn machen, was er will. Max fuehlt sich allein, ist oft traurig, aengstlich und irgendwie doch frei. Als er eines Tages ein goldenes Ticket erhaelt, mit dem er im weitverzweigten U-Bahnnetz ueberall, auch zwischen den Stationen aussteigen kann, ist seine Abenteuerlust geweckt. Fuer das Kartenkind beginnt nun eine Reise durch die Refugien zum mechanischen Prinzen, der allen Furcht einfloesst. Alles dreht sich darum, ob die einsamen Kartenkinder, denn nicht nur Max ist allein, mit ihren Hilfsmitteln den Angstfressern, sogenannten Herzfinstern ihren Weg meistern. Max erkennt schnell, dass diese Reise zu ihm selbst fuehren wird. Auf einer zweiten sich durch die Phantasiegeschichte hindurchziehenden Ebene, erzaehlt Max diese seine unglaublichen Abenteuer einem Kinderbuchautor. Zwischen beiden herrscht nach Berliner Art ein herzlicher, derb-ruppiger Ton. Doch der Max in der Rahmenhandlung ist ein anderer. Er ist nicht mehr der traurige Junge. Er weiss, was er will und laesst sich vom manchmal etwas besserwisserischen, genervten Kinderbuchautor nicht die Butter vom Brot nehmen. Voller Anspielungen, Harry Potter darf nicht fehlen, von Peter Pan, ueber eine vereinsamte Marlene bis hin zu den Figuren aus dem Zauberer von Oz, Wilhelm Hauffs Maerchen und Steinhoefels eigenen Phantasiegeschoepfen aus schon geschriebenen Kindergeschichten, ist dieser Kinderroman gespickt. Der mechanische Prinz ist eine Mischung aus Golem, dem Zauberer von Oz oder den leblosen Phantasiewesen aus 1001 Nacht. Mit viel Freude scheint der Autor diesen Genremix aus Realgeschichte, Maerchen und Fantasy ausgeheckt zu haben. Sein Held muss nach alten Mustern Erfahrungen machen, sich beweisen und Aengste ueberwinden. Eine anregende Reise zu den gueltigen Werten des Lebens fuer jeden Leser. Mikael Ollivier, Weiss du was?, Fischer Schatzinsel Verlag, 118 Seiten, EUR8.90 Daphne du Maurier oder besser Marie Durand schmueckt sich gern mit fremden Federn. Sie ist 11 Jahre alt und irgendwie mit ihrem eigenen Leben nicht zufrieden. Jetzt zieht sie mit ihrer Familie, der Vater ist in der Karriereleiter nach oben gefallen, in eine schicke Gegend von Paris, obwohl diese sich als eher eintoeniger Vorort entpuppt, aber immerhin Paris. Da darf sie nicht als Landpomeranze auffallen und startet zum meisterlichen Luegen-Angriff. Ihre Phantasie und Unsicherheit kennt keine Grenzen und schnell ist ein Maerchengebaeude aufgetuermt, dass in Kuerze auch wieder zusammenstuerzen kann. Schein und Sein, ein Thema, dass der Autor mit viel Humor, Leichtigkeit und offener Kritik an der Erwachsenenwelt aufgreift. Seine Sympathie gehoert seiner Protagonistin und Daphne kann Storys erzaehlen, dass sich die Balken biegen. Jedenfalls will sie nicht zurueckstehen und so wird aus ihrer Mutter eine Amerikanerin, aus ihrem dreijaehrigen Bruder ein Genie und sie selbst leidet unter einer Amnaesie. Daphnes Erinnerungsvermoegen wird jedoch schnell auf die Spruenge geholfen als ihre Eltern eine Party fuer die Nachbarschaft organisiert. “ Weisst du was?”ist ein feinsinniges Buch ueber eine uniformierte Welt, die Daphne sich durch ihre erfundenen Geschichten ein bisschen interessanter und phantasievoller luegt. J |
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