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REZENSION |
JUGENDBUCH | ||||||||||
| AUGUST 2005 | |||||||||||
| ANNIKA THOR: EIN KANINCHEN FUER ALVA | Marco Kunst: Geloescht, Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2005, 15,90 Euro Sig oder eigentlich Sigma-fi-alpha-277 ist in der U-Bahn eingeschlafen. An der Endstation versucht der Junge wieder in die sichere Stadt zurueckzukehren. Doch dann faellt er beim Ueberqueren der Gleise in eine Reinigungsmaschine, die ihn schnell und automatisch immer weiter von seinem Wohnort entfernt. Sig wird auf einer riesigen Muellhalde entsorgt. Und es kommt noch schlimmer: " Eine freundliche Computerstimme durchbrach die Stille. ' Sie befinden sich im verbotenen Gelaende Omega 76. Auf diese Uebertretung folgt Sanktion 2-f: vollstaendige historische Ausloeschung.' " Sigs Gedaechtnis sollte nun eigentlich automatisch geloescht werden. Auch seine Eltern werden sich nicht mehr an ihren Sohn erinnern. Es wird so sein als sei er nie dagewesen. In der ummauerten, makellosen Stadt, die vom CC, dem Zentralcomputer ueberwacht wird, geht das Leben einfach so weiter. Aber auch in der perfektesten Welt der Zukunft passieren Pannen, so scheint es. Sig behaelt unerwartet seinen Verstand und seine Erinnerungen an die Vergangenheit. Sein Koerper wird nicht zum Recycling Point transportiert und wiederverwertet, um im Immerwaehrenden Kreislauf aufzugehen. Sig ist fassungslos. Nur die Kriminellen werden durch die Sanktion 2-f verbannt, so hat er es zumindest in seiner sauberen, wohlgeordneten Welt gelernt. Auf sich allein gestellt muss Sig in der stinkenden Oednis klarkommen, vor den Fledderern, den Menschen, deren Koepfe hohl sind, fliehen und vor allem, um sein Leben zu schuetzen, den Sensoren des CC entrinnen. Doch dann trifft der einsame Junge Pilaster, einen alten Mann, der mit 25 Jahren voellig unschuldig in die Aussenwelt gelangt ist und ebenfalls nicht ausgeloescht wurde. Mit Sig findet er seine Sprache wieder und es scheint als haetten sich Robinson und Freitag gefunden. Sig ueberlebt mit Pilaster, vertraut ihm und lernt dazu. Er erkennt, dass die Aussenwelt gefahrvoll sein kann, aber die Entdeckung der Seen und Waelder ist fuer Sig ein unschaetzbares Abenteuer. Hatte bisher der CC sein Denken und Handeln bestimmt, so muss Sig sich nun auf seine eigenen Gefuehle verlassen und das ist nicht immer einfach. Pilaster hat beim jahrelangen Kampf gegen die Einsamkeit das Archiv der Erinnerungen geholfen. Der Eremit lebt in der Hoffnung sich mit dem CC, den Menschen geschaffen haben und der seiner Meinung nach auch Vernunft haben muss, auseinandersetzen zu koennen. Er will eine Erklaerung fuer sein Schicksal fordern und den CC dazu bringen, die Mauern der Stadt, in der die Menschen wie in einem behaglichen Gefaengnis ohne Selbstbestimmung leben, einzureissen. Der CC muss einsehen, dass er ein Programmierfehler ist. Doch Pilaster stirbt bei einer Exkursion in die Aussenwelt. Sig wird sein Erbe antreten. Marco Kunst hat eine gespenstische Vision einer kuenftigen von einem Zentralcomputer kontrollierten menschlichen Welt entworfen, komprimiert im Mikrokosmos einer ummauerten Stadt. Der CC gleicht einem elektronischen Gottvater, der seine Schaefchen gut behuetet und diejenigen aus der Herde aussortiert, die einen angeblichen Fehler begangen haben. Sig tritt den Beweis an, dass sein Gewissen trotz aller Bequemlichkeit in der Stadt noch intakt ist. Die spannende Ueberlebensgeschichte des Jungen, die auch existentielle Fragen aufwirft, nimmt immer wieder neue unerwartete Wendungen. Marco Kunst spielt dabei mit allen moeglichen Variationen einer realisierbaren zukuenftigen technisierten Welt. Einige Ideen hat er dabei aus der klassische Science Fiction - Literatur ausgeliehen und geschickt umgeformt. Trotz vollkommenster Programmierung bleibt Sig ein Mensch mit einer Persoenlichkeit und lernt auf seinem Weg aus der makellosen Welt neue Gefuehle kennen. Er nimmt sich des verwirrten Simpel an und schafft es, mit einfachen Kenntnissen die technisierte Ueberwelt in die Knie zu zwingen. So spannend wie sich die Geschichte ueber Sig, Pilaster, Simpel, Babel und all die Sonderlingen liest, haette eine Straffung der Handlung, bekanntes wird zu oft wiederholt, dem Roman gut getan.(Karin Hahn)
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