REZENSION

Weihnachtsbuecher
Weihnachts 2005
REZENSION

Kinderbuch

Zoran Drvenkar: Die Nacht, in der meine Schwester den Weihnachtsmann entfuehrte, Bilder von Ole Koennecke, Carlsen Verlag, Hamburg 2005, 261 Seiten, 14 Euro

Wer Zoran Drvenkars autobiographische Buecher "Niemand so stark wie wir " oder "Im Regen stehen" schaetzt, die durch ihren wirklichkeitsnahen, neuen Ton in der Kinder- und Jugendliteratur so ueberzeugten, wird auch dieses Buch, dass die 70er Jahre wieder heraufbeschwoert, moegen.

Der Schauplatz der acht Weihnachtsgeschichten, an die sich Zoran erinnert, ist das vertraute West-Berliner Charlottenburg gleich am lauten Kaiserdamm auf der Stadtautobahnseite. Seine Freunde Karim, Eli, Adrian, der stumme Sprudel und der chaotisch, lebensfrohe Vater Ivo sind dabei, Zorans Mutter, die alle zehn Minuten eine neue Zigarette anzuendet, Bekannte und Verwandte. Zoran Drvenkar erzaehlt aus der Sicht des Jungen. Seine realistischen Erinnerungen zeugen von einer milden Distanz, die durch den Abstand von dreissig Jahren und den bisherigen Lebenserfahrungen gepraegt sind. Ein besinnliches und friedliches Fest der Liebe fand bei den Zorans zwar nie statt, aber langweilig war es auf keinen Fall.

Der Schnee ist ein Muss fuer jedes Weihnachtsfest. Zoran und Susa, seine juengere Schwester, sind da einmal gleicher Meinung. Die alten Elvis Schallplatten toenen durch die Zwei-Zimmerwohnung und im Laufe des Weihnachtsabends wird das Tanzbein froh geschwungen. Allerdings finden bei Familie Zoran die Weihnachtsfeiern immer ziemlich spaet statt, da Vater Ivo, der schlaue Fuchs, immer auf ein lastminute Schnaeppchen hofft und natuerlich den Weihnachtsbaumkauf so lang hinauszoegert bis er einen billigen Preis fuer den Hauptsache grossen Baum egal wie krumm er ist herausschlagen kann. Jedesmal meckert die Mutter. Aber diese vertrauten Dialoge fehlen beim Fest 1975, denn der Vater hat die Familie wegen einer anderen Frau verlassen. Zoran ist acht Jahre alt, beschliesst ein Weihnachtsbuch zu schreiben und will abhauen. "Ich bin der einzige Achtjaehrige in ganz Berlin, der beschlossen hat von zu Hause wegzurennen. Und ich glaube, ich bin ganz bestimmt der einzige Junge auf der ganzen Welt, der seine Eltern nicht versteht und auch nicht verstehen will, weil er Angst vor den Antworten hat." Zoran macht sein Vorhaben wahr, aber seine Odyssee endet im Park am Lietzensee, wo sein Vater wie Buridans Esel zwischen zwei Weihnachtsbaeumen sitzt. Zwei Jahre spaeter ist der Vater zum Fest wieder da und will seine Familie und deren Freunde mit einer besonderen Weihnachtsfeier ueberraschen - Weihnachten auf einem Boot. Allerdings bringt die Neugier der Jungen auf ein riesiges Geisterschiff Vater Ivo in groesste Schwierigkeiten. Auch Tante Dora verursachte Unruhe in der Phillipistrasse mit ihrer grausigen Eisteufelgeschichte, die den sonst so toughen Karim angeblich ins Krankenhaus bringt. Zum Glueck nimmt Tante Dora die Schauergeschichte zurueck nach Serbien und niemand muss mehr seine Rippen zaehlen, ob denn auch wirklich alle noch da sind. Gelassen kann Zoran ueber seine Schwester Susa die Nase ruempfen, die noch an den Weihnachtsmann glaubt und dass jeder Hund mal ein Mensch gewesen sein muss. Als dann ihre Liebe zum Weihnachtsmann aber zu gross wird und sie ihn entfuehrt, bemerken Zoran und seine Mutter zu spaet, dass im Kostuem des Geschenkebringers nicht der Vater steckt, wie angenommen.

Witzig, kurzweilig und voller Waerme sind diese Geschichten von den immergleichen Weihnachtsritualen und Erinnerungen, die fuer jede Kindheit unverzichtbar sind.

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