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REZENSION

BELLETRISTIK

Jason Starr: Twisted City, Diogenes Verlag, Zuerich 2005, 19,90 Euro

Seit dem Krebstod seiner Schwester Barbara vor 14 Monaten laeuft David Millers Leben voellig aus der Spur. Nachdem er wieder eine Arbeit bei der Zeitschrift Manhattan Business angenommen hat und mit Rebecca, einer ausgeflippten Anfang Zwanzigjaehrigen, mehr oder weniger gluecklich zusammenlebt, scheint sich alles zu normalisieren. Rebecca nervt ihn zwar mit ihrem Pseudo-Hip-Hop-Slang, ihrer Geldverschwendung auf seine Kosten und ihren Alkohol- und Modedrogenexzessen. Aber um nicht allein zu sein, scheint David trotz Warnung seiner Freunde vieles hinzunehmen. Als Journalist ist David mit seinen Anfang 30 in seinem Beruf nicht besonders engagiert. New Yorks Nachtleben interessiert ihn kaum, das Leben plaetschert an ihm ziellos vorbei. Nur die Erinnerungen an Barbara und seine symbiotische Beziehung zu ihr halten ihn lebendig. Eines Abends klaut ihm jemand seine Brieftasche in einer schottischen Bar und damit beginnt unweigerlich David Millers emotionale wie existentielle Talfahrt, die schon zu Barbaras Lebzeiten vorprogrammiert war. In der Brieftasche steckt ein Foto seiner geliebten Schwester, auf dass er grossen Wert legt. Als ihn eine Frau, die sich Sue nennt aus Downtown anruft und behauptet, sie haette die Brieftasche, macht sich David ahnungslos auf den Weg. Sue ist drogenabhaengig und scheint mit ihrem Kumpan Kenny mit diese Art Diebstaehle Geld zu erpressen. Doch anstatt David das Spiel durchschaut und Sues Wohnung den Ruecken kehrt, tickt er voellig aus und toetet in Notwehr Sues eifersuechtigen Zuhaelter Ricky nach einem Angriff. Mit seiner Brieftasche und dem wichtigen Foto kehrt er in sein Leben in Uptown zurueck. Als haetten ihn die Ereignisse der letzten Stunden die Augen geoeffnet, versucht sich David in mehreren Anlaeufen von Rebecca zu trennen, die sich wie eine Klette ploetzlich an ihn haengt, ihm keine Luft mehr zum Atmen laesst. Sie ignoriert die Trennungsabsichten Davids und in dem Moment, wo die Wirklichkeit sie einholt, geht sie mit geballter Gewalttaetigkeit auf ihn los. Die Ereignisse ueberschlagen sich, nichts scheint mehr zu funktionieren. David wird erpresst, denn Kenny hat David beim Entsorgen der Leiche fotographiert. In diesem voelligen Wirrwarr der Ereignisse tauchen immer wieder Erinnerungsfetzen an Barbara auf und dem Leser wird klar, dass David schon zu Barbaras Lebzeiten in voelliger Abhaengigkeit von ihr existierte und vor der Fassade des Alltags Normalitaet nur gespielt wurde. Als Kinder verloren die Geschwister die Eltern. Das schmiedete eine enges Band um beide, dem sich David als Erwachsener nicht entziehen wollte. David verliert unweigerlich den Boden unter den Fuessen und beginnt sich mit seiner toten Schwester, die einem Geist aehnlich ihn nicht verlassen kann, zu unterhalten.

Vor der Kulisse New Yorks variiert Jason Starr einen klar konzipierten, spannenden Schlagabtausch der unterschiedlichsten Beziehungen, zum einen die fast inzestioes anmutende Bruder-Schwester-Beziehung, Verhaeltnisse, die nur auf sexueller Ebene funktionieren, zum anderen Abhaengigkeiten im tiefsten kriminellen Milieu und kollegiale Beziehungen. Erst als David am Rand des Todes steht, entblaettert sich seine wahre Persoenlichkeit. Als freundlicher Kollege verwandelt er sich umgehend in ein Monster. Das Geheimnis um das Foto seiner Schwester bleibt der Schluessel zu Davids unerklaerlichem Verhalten.

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