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WINTER 2006

REZENSION

WINTER 2006
REZENSION
Belletristik

Jugendbuch

Mirijam Guenter: Die Ameisensiedlung, Deutscher Taschenbuch Verlag, Muenchen 2006, 268 S., 7,50 Euro

Als Connys Mutter 15 war, bekam sie ihr erstes Kind - die dunkelhaeutige Conny. Connys juengere Brueder, Zwillinge, koennen lang nicht glauben, dass dieses Maedchen ihre Schwester ist. Wenn Connys Mutter ihre Dosis Bier und Schnaps konsumiert hat, flucht sie auf alle Auslaender, besonders auf Connys Vater, den die Tochter nie gesehen hat. Bruellen als alltaegliches Kommunikationsmittel, ein leerer Kuehlschrank, die Bettelgaenge zum Amt, Selbstbedienung im Supermarkt, pruegelnde Typen in der Wohnung, die verkommene Wohnung im Ghetto der Armen, die Ameisensiedlung - fuer die kaempferische, stolze Conny und ihre ziemlich eigenstaendigen Brueder ist das der normale Alltag. Von diesem Szenario geschockt, versteht man Connys grenzenlose Hingabe an ihre Gang. Hier wird sie als farbige Nicht-Auslaenderin und Aussenseiterin angenommen. Mit Andi, Michi und Benni traeumt Conny von einem anderen Leben, weit fort von der Ameisensiedlung. Auch wenn die vier sich geschworen haben, dass sie die Finger von harten Drogen lassen, ist die Versuchung gross, dem realen Elend zeitweilig zu entfliehen. Die Gangs der Marrokkaner, Tuerken oder Russen legen sich auch mit Connys Clique an. Es gibt Streit und dann wieder den Zusammenhalt gegen die anderen Stadtviertelcliquen. Nur keine Schwaechen zeigen, cool bleiben, abhaengen und Erwachsenen Paroli bieten, denn ihr Gelaber ist doch nur Schwachsinn. Kein Wunder, denn Arbeitslosigkeit, Drogenkonsum, Alkoholismus und Gewalttaetigkeit leben sie ihren Kindern vor. Auf der Strasse herrscht eine kumpelhafte Geborgenheit und Solidaritaet, fast wie in einem Dorf, in dem jeder jeden kennt. Aber allein die Selbstmordversuche von Andi und Connys Mutter sprechen eine andere Sprache.

Aus Connys Perspektive schaut der Leser in eine Welt, die in gegenwaertigen Diskussionen als die der Unterschicht bezeichnet wird. Einmal in der Ameisensiedlung geboren, heisst es, gibt es keinen Schutz, kein Entkommen vor den brutalen Gesetzen der Strasse, dem Schmutz, Hunger und der Kriminalitaet. Die Cliquenkinder sind alle Schulabbrecher und der Meinung, die Gesellschaft hat sie laengst vergessen. Doch dann kommt Chris Truemmerer, ein Lehrer mit Idealen und versucht, dass Conny wieder in die Schule geht. Schnell erkennt er, dass diese Aufgabe einer Sisyphusarbeit gleicht, denn das knallharte Maedchen eckt ueberall an. Mit ihrem nervigen Selbstmitleid, ihrer Opferrolle und vor allem ihren pathetischen Saetzen, darueber, dass sie nie Zeit hat und den Zusammenhalt der Gang ueber alles stellt, faellt es Chris schwer, kontinuierlich trotz Rueckschlaegen und Enttaeuschungen an ihrer Seite zu bleiben. Auch dem Leser wird es nicht leicht gemacht, an der stellenweise emotional aufgeblaehten Geschichte dranzubleiben. Das Blatt wendet sich jedoch als Conny durch die Vermittlung ihres Lehrers von einem Tag zum anderen trotz aller Widerstaende in einer “normalen” 9. Klasse sitzt.

Wie die Schueler aus behueteten Familien auf ihre stigmatisierte Mitschuelerin reagieren und die Lehrer ihre Unfaehigkeit unter Beweis stellen, ist schon ein lesenswertes Kapitel.

Mirijam Guenter lotet hier aus, wie es um die vielgepriesene Toleranz der Gesellschaft steht. Nur der hochbegabte Achilles gibt sich Muehe, vorurteilsfrei eine Meinung zu aeussern und unternimmt auch den Versuch, Conny wirklich kennen zu lernen. Auch wenn das Maedchen sich selbst in vielen Situationen nur im Wege steht und es ihren Mitmenschen bei ihrem Ringen um Akzeptanz schwer macht, loest sie sich langsam aus ihrer Opferrolle und beginnt fuer sich zu kaempfen. Mirijam Guenter schreibt temporeiche Dialoge und verfaellt nicht in die Versuchung, vielleicht auch aus eigenen Erfahrung, der fiktiven Geschichte eine unrealistische Wendung zu geben.



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