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WINTER 2006

REZENSION

WINTER 2006
REZENSION
Belletristik

Barbara Honigmann: Ein Kapitel aus meinem Leben, Deutscher Taschenbuch Verlag, Muenchen 2006, 141 S., 8,50 Euro

Eine Tochter reflektiert ueber das Leben ihrer Mutter, einer Frau mit unterschiedlichen Namen, Haarfarben und Geheimnissen. Sie war eine charismatische, lebensfrohe, tatendurstige und sprachbegabten Kosmopolitin, die der Tochter als Kind extravagante Kleidung naehte, egal ob die Naehte schief und krumm gerieten, sich die luxurioesen Zeitschriften Vogue und House and Garden zur Karlshorster Villa nach Ostberlin schicken liess, mit einem Pass dem grauen DDR-Alltag entfliehen konnte und ihr Kind vier Wochen lang zu Freunden nach England reisen liess. Sie war - ohne Frage - ein bunter Vogel im tristen, gleichgeschalteten, versorgungsarmen Sozialismus, ihrer Wahlheimat nach 1945.

Oesterreich, die wahre Heimat neben Ungarn, lieben, aber bitte ohne Oesterreicher, den Sozialismus hochhalten, aber bitte nicht mit den betonkoepfigen, stillosen DDR-Bonzen! Eine juedische Aussenseiterin sein, dazu stehen und doch auch immer wissen, wo die Schlupfloecher in die Freiheit sind. Eine arrogante Person mit einer Gutsherrenmentalitaet- ach ja, die Ungarn sind ja auch nur einfaeltige Bauern. Die Contenance stand bei Barbara Honigmanns Mutter immer an erster Stelle. Vielleicht zu einfach - obwohl Barbara Honigmann mit ihrer treffsicheren Ironie, vorsichtigen Distanz, aber auch dem leichten Ton in der Prosa auch stellenweise gar nicht genau weiss, wovon und von wem sie schreibt. Sie will auch nichts enttarnen, hinzuerfinden, sich ausdenken oder gar mit Zeitdokumenten pruefen und belegen. Nur einmal hat sie sich Zeitungsstapel allerdings umsonst in der Bibliothek kommen lassen, um eine angebliche Abbildung einer Wohnung ihrer Mutter, der verkappten Innenarchitektin, zu suchen. In Erinnerungsspruengen entwirft, die in Strasbourg lebende Schriftstellerin, ein vielgestaltiges, rätselhaft changierendes Bild der eigenen Mutter. Sie konnte unterhaltsam sein, Freunde an sich binden, plaudern ohne Unterbrechung und doch nichts von sich preisgeben. Sie war und blieb ein Raetsel fuer alle, die sie kannten. Und so, wie sie nicht mehr wusste, welche Haarfarbe sie hatte, welcher ihr wahrer Name oder gar ihr Geburtsdatum war, trieb sie von Ungarn, Oesterreich, Paris, England, der DDR bis zu ihrer Ausreise 1984 wieder nach Oesterreich durch Europa. Vieles hat sich Barbara Honigmanns Mutter zurechtgedichtet, um sich Wege einfach zu ebnen.

Ein Kapitel aus ihrem Leben, wie sie es selbst geheimnisvoll nannte, ist ihre Zeit als ueberzeugte Kommunistin und Ehefrau des britischen Doppelagenten Kim Philby, der kurz vor seiner Enttarnung 1964 in die Sowjetunion fluechtete. Barbara Honigmann erzaehlt nicht chronologisch, der Text sprudelt als wuerde ihr gerade in diesem Augenblick die eine oder andere Episode einfallen, ob es um die professionelle Vergesslichkeit ihrer Mutter ging, die Sucht, alles was man nicht benoetigt wegzuwerfen oder ihren Spass am wechselnden Rollenspiel, der Konspiration und Gegenkonspiration. Auch fuer die geschiedenen Ehemaenner oder Geliebten blieb diese Frau ein Geheimnis. Dieses schmale, wunderbar unterhaltsam geschriebene Buch ist ein wichtiges Zeitdokument, ob es nun um die Weg- und Hinbewegung zum Judentum oder der kommunistischen Ideologie geht, um die Innenansicht der Sowjetunion oder die Zeiten des kalten Krieges.

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Sachbuecher

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